Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

Durchschauen wir das Pferde-Spiel!

3 goldene Spiel-Regeln und 100 clevere Spiel-Tipps für Pferd und Reiter

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Rennspiele sind von Fohlen bis Oldie ein Zeichen von Übermut, Wohlbefinden und Lebenslust. Foto: Pelikan Rennspiele sind von Fohlen bis Oldie ein Zeichen von Übermut, Wohlgefühl und Lebenslust. Foto: Pelikan

Spielen macht Pferde clever, cool und locker. Wie spielen wir so mit unseren Pferden, dass beide Spaß haben? Was nutzt Spielen fürs Reiten? Welches Spielzeug weckt die Neugierde? Hier sind die Praxis-Tipps aus Interviews mit Trainern und Verhaltensforschern.

Es ist ein sonniger und ziemlich windiger Tag, der ein Dutzend halbwilder Przewalski-Pferde zu wilden Rennspielchen treibt. Die urigen Falben jagen sich gegenseitig über die Schorfheide bei Berlin, wo sie nach behüteter Jugend im Berliner Zoo ausgesetzt wurden – und geraten in ihrem Übermut erstmals im Leben in ein Wäldchen. Das Ergebnis der spielerischen Begegnung mit Bäumen: tiefe Schrammen, dicke Beulen und bei allem Schmerz die leise Ahnung, dass so ein Wäldchen vielleicht auch Schutz vor Regen oder praktische Schubber-Stämme bietet.

Der Berliner Verhaltensbiologe Dr. Klaus Scheibe hat das Spektakel vor Jahren beobachtet, denn er studierte damals im Auftrag des Leibniz-Institutes für Zoo- und Wildtierforschung die Przewalski-Pferde in der Schorfheide. „Die Pferde kannten aus dem Zoo ja nur freie Fläche. Keine Bäume. Aus purer Vernunft hätten die sich wohl nicht so schnell in den unbekannten dichten Wald getraut. Erst das Spiel öffnete ihnen diesen neuen Raum und damit neue Chancen.“

Spiel, scheinbar zweckloser Zeitvertreib für Pferde und andere Tiere, hat also einen ernsten Hintergrund: Das Tier probiert, scheitert, gewinnt, lernt durch Versuch und Irrtum. Der Trieb dazu wurzelt in den ältesten Schichten des Gehirns und ist eine Erfindung der Urzeit: Schon Reptilien spielen. Und operiert man hoch entwickelten Tieren wie Affen die Großhirnrinde weg, entfernt also den Sitzt des Denkens, spielen sie trotzdem weiter. Spiel erschließt Tier und Mensch neue Welten und hilft Herdentieren, sich im sozialen Gestrüpp der Gruppe zurecht zu finden.

Während Fohlen toben und tollen, üben sie, was die Pferdenatur ausmacht: hart Kämpfen, lieb Kraulen, Sex und Fortpflanzung

Beim Reiten sind diese Talente freilich weniger gefragt. Trotzdem gilt der Spieltrieb als beliebte Hilfe in der Ausbildung von Pferden: weil der Mensch Spiel mit Spaß verknüpft statt mit Drill. Weil verspielte Pferde neugieriger sind und weil sie spielerisch schneller kapieren, was wir von ihnen wollen. Außerdem motiviert das Wecken der Spiellaune ein Tier stärker als die Aussicht auf Prügel.

Spiel lebt nämlich von guter Laune auf allen Seiten. Es ist Stimmungsbarometer und das sicherste Zeichen dafür, dass ein Pferd sich wohl fühlt. Das glauben jedenfalls die allermeisten Verhaltensforscher: Wer Stress oder Hunger hat, auf der Flucht ist oder friert, der spielt nicht. Sondern nur der, der sich keine Sorgen machen muss um sein Futter, seinen Freiraum und seine Sicherheit.

Das ist auch der Grund, weshalb wildlebende Tiere seltener spielen als Haustiere. „Domestikation heißt Freisetzen von Möglichkeiten“, sagt Biologe Klaus Scheibe, der heute Führungen und Vorträge zu den ausgewilderten Przewalski-Pferden anbietet. Freisetzen von Möglichkeiten – das setzt natürlich voraus, dass der Mensch das Pferd nicht in düstere Ställe sperrt, wo ihm per Stress das Spielen ausgetrieben wird. Wann gespielt wird, diktieren übrigens Tageszeit und Wetter, soweit man heute weiß.

„Lauf- und Rennspiele sieht man meist, wenn das Wetter umschlägt“

Biologe Klaus Scheibe hat außerdem entdeckt: Wird drückende Hitze von Wind und Nieselregen weggeblasen, oder scheint nach einer Woche Schmuddelwetter die Sonne, geben Pferde Gas und toben. „Möglich, dass sie sich dann einfach wohler fühlen. Wenn es ihnen schlecht geht, spielen sie nicht.“ Im eisigen Winter, direkt nach dem Fressen und zur Mittagszeit ist die Spiellust am Tiefpunkt, während sie in Morgen- und Abenddämmerung explodiert.

Welche Programme das Pferd dabei abspult, hängt stark von Alter, Geschlecht und den Genen ab. Fohlen spielen am intensivsten, und zwar schon zwei Stunden nach der Geburt. Sie kicken, hüpfen und rennen erst einmal für sich allein. Sobald sie sicher auf den Beinen stehen, spielen sie mit der Mutter, mit anderen Fohlen oder Gegenständen: Alles wird ins Maul genommen, obwohl die Kleinen es noch gar nicht fressen können. „Das zeigt, wie frühreif Pferde sind“, deutet der Psychobiologe Gordon Burghardt von der US-Universität Tennessee, einer der fleißigsten Spiel-Forscher.

Schon nach einem Lebensmonat greift dann das Geschlecht ins Spielgeschehen ein. Hengstfohlen verbringen viel Zeit mit Kampfspielchen: Kneifen in Kopf und Beine, Kreiseln, Verfolgen, Steigen. Richtung Pubertät bespringen die Pferdejungs gern andere Pferde. Stutfohlen haben dagegen für Zoff und Händel weniger übrig. Die jungen Damen tun sich lieber zu Pärchen zusammen, kraulen Mähe oder rennen Seite an Seite über die Koppel.

Ab etwa anderthalb Jahren lassen die Kraftproben nach, mit denen Pferde ihr Sozialverhalten, ihre Muskeln und ihre Geschicklichkeit trainieren. So wurden bei erwachsenen Przewalski-Pferden im Zoo nur 1,2 Prozent Spielanteil binnen 24 Stunden gemessen. Bei Boxenpferden wurde gar kein Spiel beobachtet. Offenstallpferde brachten es im Liegebereich auf 1 Prozent und im Auslauf immerhin auf 26 Prozent – dort allerdings zusammengenommen mit Stehen und Dösen.

Blitzt der Spieltrieb bei Erwachsenen hervor, dient er oft als Hierarchie-Test

Zum Beispiel, um mal wieder die eigene Position in der Herde zu checken. „Im Spiel fragen Fohlen und ältere Pferde, wie weit sie gehen können“, sagt US-Biologe Burghardt. „Grenzen ausloten ist eine der Kernziele dieses Verhaltens.“ Das bekommen auch Menschen zu spüren, mit denen ein Pferde Spiel ohne Grenzen veranstaltet, etwa an den Haaren knabbert oder von hinten schubst. Manche Pferde fragen die Rangfolge spielerisch nur einmal ab, hartnäckige Gemüter versuchen es immer wieder.

Bloß nicht auf solche scheinbar harmlosen Spielchen eingehen, raten Profi-Trainer. Sonst wird aus dem Gambler schnell ein Gauner, der Unarten vom Zwicken bis zum Rempeln abspult – je nachdem, wozu er besonderes Talent hat. Wir dürfen als Mensch nie gleichwertiger Spielkumpel sein wollen, denn dabei haben wir schlechte Karten. Selbst erfahrene Trainer kommen manchmal unter Zähne und Hufe, wenn sie Pferden spielerische Show-Tricks beibringen. Laien schaffen den Spagat „Wann darf ich das Spiel belohnen, wann ignorieren und wann bestrafen?“ schaffen die wenigsten.

Die 3 goldenen Spiel-Regeln für Reiter und Pferde

Probleme haben viele Reiter schon mit Regel Nummer 1 im Spiel mit Pferden, die der berühmte Spielmeister Jean-Francois Pignon so formuliert: „Erst kommt der Respekt, dann das Spiel.“ Pignon, einer der erfahrensten Show-Akteure der Freiheitsdressur mit Pferden, stammt aus der südfranzösischen Camargue und übt dort unter anderem Verfolgungsspielchen mit seinen Schimmeln. Dabei schießen die Pferde schon mal offenen Maules auf ihn zu und werden in letzter Sekunde durch ihren Respekt, Pignons Selbstbeherrschung und seine perfekte Körpersprache gebremst.

Denn Regel Nummer 2 lautet: „Ein Pferde verträgt keine Hampelmänner“, sagt Westerntrainer Jörg Pasternak aus Herzberg im Harz. Er trainiert Cuttingpferde am Rind auf das Wechselspiel zwischen Spaß und Biss. Klare Persönlichkeit, klare Körpersprache und klares „Nein“ sind für ihn essentiell im Spiel mit Pferden.

Das führt zu Regel Nummer 3: Der Mensch beendet das Spiel, nicht umgekehrt. Das ist spätestens dann angesagt, wenn es brenzlig wird. Aber hier beginnt schon die nächste Gratwanderung: Wann schlägt Spiel in Ärger um, und wie merken wir das? „Ernst wird es, wenn es eindeutig Verfolgte gibt und auf der anderen Seite Angreifer, die nicht locker lassen. Beim reinen Spiel wechseln die Partner nämlich ständig die Rollen“, antwortet die Umweltwissenschaftlerin Viktoria Herms aus Kalübbe in Holstein, die für ihre Diplomarbeit über Pferdefreundschaften halbwilde Liebenthaler Pferde studierte. Und sie nennt ein weiteres Alarmsignal dafür, dass aus Spiel Ernst wird: „Wenn es geräuschvoll wird.“

„Brüllen, aggressives Quietschen oder selbst Brummeln sind Warnzeichen für Ärger, sobald das Pferd dabei die Ohren angelegt hat“

Auch andere Verhaltensexperten achten auf den Mimikwandel, der Schluss mit lustig signalisiert. Aber wie erkennt man wiederum, wann das Spielgesicht zum Drohgesicht wird? Beim Spielgesicht ist alles offen: Die Ohren zeigen nach vorne, große Augen, weiter Nüstern, entspanntes Maul. Bei Ärger gehen die Ohren nach hinten, Augen und Nüstern werden klein, das Maul ist verkniffen.

Blufft das Pferd jedoch und setzt im Spiel erstmal sein Pokerface auf, sind auch Profis schnell schachmatt. Kein noch so guter Pferdekenner kann zu jeder Zeit ahnen, wie sein Gegenspieler gerade drauf ist. Riskant ist deshalb grundsätzlich jedes Spiel zwischen Pferd und Mensch, das dem Pferd die Chance gibt, seine natürliche körperliche Überlegenheit auszuspielen; schneller oder stärker zu sein als wir Menschen. Rennspiele und Verfolgungsspiele zählen dazu; vor allem auch das Steigen, das viele Pferdebesitzer sorglos üben. „Steigen kann man vor allem Hengsten recht schnell im Spiel beibringen“, sagt die Tiertrainerin Diana Antoine vom „Show-Service Diana“ aus Wickede an der Ruhr. „Aber damit zieht man sich schnell eine Waffe heran.“ Profis wie Diana Antoine raten: Steigen bitte erst dann trainieren, wenn Pferde gut ausgebildet, sprich: gut erzogen und körperlich balanciert sind!

Laientauglich findet Antoine, die außer mit Pferden auch mit Krokodilen, Schlangen, Spinnen und Skorpionen spielt, Dinge wie Tücher apportieren oder vom Rücken ziehen, Kompliment, Knien, Hinlegen, Sitz oder Klettern.

„Podeste oder stabile Baumstümpfe sind tolle Spielzeuge für Pferde, denn Klettern macht ihnen großen Spaß und schult die Balance“

Show-Trainerin Diana Antoine rät: „Man kann die Pferde leicht mit Futter aufs Podest locken, erst mit den Vorderbeinen, dann mit allen Vieren. Wichtig ist, dass das Gerät stabil ist.“ Geübt wird anfangs täglich, bis der Spiel-Trick sitzt. „Man irritiert das Pferd, wenn man es eine Woche auf die Wiese stellt, und dann soll es plötzlich mit einem spielen“, findet Diana Antoine und rät: „Erst wenn es die Spiel-Übung beherrscht, reicht es, diese nur noch alle paar Tage abzurufen. Wichtig ist, dass wir selbst das Spiel beginnen und beenden – letzteres erst, wenn das Pferd zumindest andeutungsweise richtig macht, was wir von ihm wollen.“

Wozu aber spielen wir überhaupt mit Pferden? Und woher wissen wir Menschen überhaupt, was Pferde gerne spielen?

Die erste Frage ist schnell beantwortet:

Wenn das Pferd spielt, probiert es mehr, denkt mehr, ist motivierter, lernt besser.

Das Gehirn spielender Pferde ist gewohnt, schneller auf die Umwelt zu reagieren, Sinneseindrücke zu verarbeiten und das interne Belohnungssystem zu aktivieren.

Die zweite Frage wird wohl ewig ein kleines Rätsel bleiben, bei dem wir immer wieder einen kleinen Teil des Geheimnisses lüften. Selbst Trainer, bei denen das Spiel zum Ausbildungssystem gehört, können nur ahnen, was Pferd mögen. Oder geben gleich zu, dass die Spiele vor allem dem Menschen gefallen müssen. Der Schweizer Adrian Heinen, 5-Stern-Instructor nach Parelli und damit einer der erfahrensten Parelli-Natural-Horsemanship-Trainer in Europa, räumt freimütig ein, dass die berühmten Sieben Spiele im PNH-System Spiele heißen, weil das dem Menschen signalisieren soll: Hier hat der Spaß Vorfahrt. „Ich werde immer zornig, wenn ich höre, dass Leute ihre Pferde ’noch bewegen‘ oder ‚arbeiten müssen'“, sagt Heinen.

Für den Westerntrainer Jörg Pasternak bedeutet Spiel schlicht Abwechslung – gegen das tägliche Einerlei in der Halle lotst er seine Pferde durch Tore oder lässt sie im Galopp über die Wiese fetzen.

Und dann gibt es die zahllosen Ausbilder, die sich „spielerisches Lernen“ als eher schwammiges Ziel setzen. Auch dahinter steckt als kleinster gemeinsamer Nenner die Einstellung, lieber locker als verbissen ans Training heran zu gehen: Statt blindem Ehrgeiz wird der Wille gezeigt, auf das Pferdewohl Rücksicht zu nehmen. Verkehrt ist das nicht. „Spiel erleichtert soziale Bindungen, auch an den Menschen„, stellte der kanadische Pferdeverhaltensforscher Andrew Fraser schon Anfang der 1990er Jahre fest. Um das unsichtbare Band zu knüpfen, rät er zu jeder Art Training, das auf Tempowechsel, Gruppengefühl oder unterschiedliche Umweltreize setzt. Als Beispiele nennt Fraser das Reiterspiel Gymkhana oder auch Cross-Country-Rennen.

„Selbst Arbeit vor der Kutsche oder auf dem Acker kann Spiel sein. Und auch das Dressurtraining in seine ganzen Mannigfaltigkeit könnte – einigen Pferden freilich mehr als anderen – wie ein Spiel erscheinen“, mutmaßte der Kanadier. Das nutzt am Ende dem Reiter, weil das Pferd über den Spieltrieb „bis zu einem bestimmten Punkt die körperliche Erschöpfung überspielen kann“. Umso wichtiger ist es auch hier wieder, die Grenzen zu erkennen und das Spiel nicht zu sehr auszureizen, um dem Pferd und dem Spiel-Ziel nicht zu schaden. Sicher ist jedenfalls für Fraser und Kollegen:

Pferde, die als Fohlen spielen lernten, lernen später spielender. Sie finden einen besseren Draht zum Menschen und zur Arbeit

„Unsere Fohlen klettern schon mit acht Wochen auf ein Podest, das ich manchmal auf die Weide stelle. Mal nur mit den Vorderbeinen, mal mit allen Vieren, mal lassen sie ein Bein baumeln. Die sehen das bei der Mutter und machen es nach“, erzählt Marlit Hoffmann, Connemara-Züchterin und Ausbilderin aus dem hessischen Ehringshausen, die sich auf spielerisches Reiten spezialisiert hat.  „Jedes Pferd ist von Natur aus neugierig und spielt gern. Was draus wird, hängt vom Menschen ab, denn die Spiellust des Pferds spiegelt seinen Besitzer.

Lässt sich diese Lust am Spiel direkt in Lektionen umsetzen?

Dazu gehen die Meinungen auseinander. Diana Antoine, die ihre Pferde bis zur Hohen Schule unterm Sattel ausbildet, ist skeptisch: „Jene Spiele, die Pferde in der Herde zeigen, lassen sich kaum gezielt in Dressurlektionen ummünzen.“ So kann man Pferde, die von klein auf gegen alles kicken, zwar durch Balltreten leichter zum Spanischen Schritt motivieren. Aber das nutzt dem Menschen nur, wenn er das Spiel mit Kommandos steuern kann. Und schon junge Pferde lernen durch das Rollen eines Balls mit der Nase eine schöne Vorwärts-Abwärts-Haltung. Doch die ist schnell verdorben, wenn später grobe Hände im Maul ziehen.

Immerhin: Pferde bekommen durch solch spielerische Ansätze eine Ahnung von Bewegungsabläufen, die dann vom Reiter kanalisiert und perfektioniert werden müssen – gerade bei Lektionen wie Spanischem Schritt oder dem Vorwärts-Abwärts-Reiten soll die Musik im Pferd ja hinten spielen, und das ist anstrengend.

Wichtig ist: Das Spiel muss zum Pferd passen – siehe dazu den Blog-Beitrag über die 7 Spieler-Typen. Wenn sich ein Pferd von Natur aus nicht gern bewegt, kann man es nicht durch Bewegungsspiele motivieren. Das Spiel mit Bodenhindernissen macht manchen Pferden Panik und anderen viel Spaß; es soll sogar Pferde geben, die wie Seiltänzer mit allen Vieren auf Bodenstangen balancieren.

Stangenspiele eignen sich perfekt, damit der Mensch das Pferd und das Pferd seinen Körper besser kontrollieren lernt

Das Pferd steigt oder hüpft mit den Vorderbeinen drüber, geht zwischen Stangen rückwärts oder seitwärts.

Marlit Hoffmann, eine der eifrigsten Vor-Spielerinnen, übt diese Stangenspielchen ausgerechnet mit Springpferden. Sie sind nach ihrer Erfahrung die härtesten Nüsse, die es im Spiel zu knacken gilt. „Springpferde machen über alles am Boden einen Riesensatz.“ Werden sie dabei nur durch stramme Zügel kontrolliert, endet das Springen im Krampf. Hoffmann bringt Reiter und Pferd dazu, in aller Ruhe locker zu lassen und Stangen mit jedem Bein einzeln zu überschreiten.

In gedrittelten Traktorreifen („im Ganzen sind sie zu hoch, und das Pferd kann hängen bleiben“) lässt sie Vor- und Hinterhandwendungen reiten. „So begreifen Pferd und Mensch die Bewegung viel besser.“ Podest, Hütchen, Wippe, Tonnen, Maurer-Eimer, Bambusstäbe als Garrocha – kaum ein Gerät lässt Hoffmann aus. „Aber nicht jeden Tag das gleiche, sonst wird das schönste Spiel langweilig. Und bloß nicht nach dem Motto: ‚Da steht die Wippe, die muss ich in einem Zug packen.‘ Lieber Schritt für Schritt, denn wie der Reiter ans Spiel rangeht, bestimmt Spaß und Nutzen fürs Pferd: Reitet der eine riegelnd über die Wippe, verspannen beide.“

Mit der richtigen Einstellung profitieren Reiter aller Klassen vom Spiel. „Spielen heißt ja auch, nicht immer nur Am-Zügel-Reiten wollen. Sondern auch mal einen Freiraum schaffen, in dem sich das Pferd etwas angucken darf und der Reiter die Pferdebewegungen spüren lernt. Man glaubt gar nicht, wie viele angeblich perfekte Turnierreiter dieses Gefühl verloren haben.“

Für Umweltwissenschaftlerin und Pferdetrainerin Viktoria Herms bedeutet Spiel: Neugier wecken, um Frust zu vermeiden. „Das Pferd darf probieren, wofür es belohnt wird.“ Das ist Gymnastik für Gehirn und Muskeln, findet sie. Ihrer Stute brachte sie per Clickertraining bei, erst einem Tennisball am Stöckchen mit der Nase zu folgen und dann dem Zeigefinger: „Damit lässt sie sich super biegen.“

Zum Spielvergnügen zwingen kann man freilich weder Pferd noch Reiter. Das gilt auch für den Zeitvertreib mit Boxenspielzeug, das Pferde meist über Futteranreize animieren soll, sich mit Ball, Rolle oder ähnlichem zu beschäftigen. Spielzeug einfach nur einzusetzen, um schlechte Haltungsformen zu kompensieren, finden Verhaltensexperten grundsätzlich fragwürdig. Wenn ein Pferd 24 Stunden lang alleine in seiner Box eingesperrt ist, taugt selbst das raffinierteste Spielzeug nur als kurzfristige Frustbremse und tröstet über fehlenden Auslauf und Sozialkontakt nicht hinweg.

Weil auch hier wieder der Pferdetyp eine Rolle spielt, müssen wir herausfinden, welches Spielzeug unsere Pferde reizt oder sogar hilft, Angst vor Unbekanntem abzubauen. „Furchtbar interessant ist zum Beispiel eine Plane“, beobachtet Viktoria Herms. „Das Pferd wird erstmal schnorchelnd davor stehen, dann mit Lippen, Zähnen, schließlich mit den Hufen drangehen. Das Plastik wird Spielzeug, die Angst ist weg.“ Und auch hier gilt das Prinzip Abwechslung.

Wenn das Spielzeug nicht mehr spannend ist – sofort wegnehmen und einige Zeit später wieder einsetzen

Diese Regel gilt auch für Spielsachen, die Geräusche machen oder mit Leckereien gespickt werden und über die Fress- auch die Neugier wecken. Zu solchen Objektspielzeugen raten Verhaltensexperten, wenn man sein Pferd zum Objektspiel einladen will. Beliebt sind Schleck-Mobiles, die von der Decke baumeln oder Snack-Bälle, aus denen Futter kullert.

Test-Kit: So sieht eines der Likit-Toys aus, das wir im Blog diesen Sommer ausprobieren.

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Der britische Verhaltenstierarzt Daniel Mills, der an der Lincoln-Universität lehrt, empfiehlt, Pferde an solches Spielzeug behutsam zu gewöhnen. „Viele Reiter glauben, weil etwas Spielzeug heißt, muss ihr Pferd sofort wissen, was es damit tun soll. Es muss darauf trainiert werden, sonst hat es Angst davor.“ Auf keinen Fall leere Futter-Spielzeuge in Box oder Paddock hängen lassen, rät Mills außerdem: „Das frustriert das Pferd mehr, als dass es seinen Alltag verschönert.“

Hier geht’s zu den 7 Spiel-Typen unserer Pferde  – und zur Gewinnspiel-Aktion meines Blog-Partners Waldhausen, der für sein Team echte Futterspielzeug-Fans sucht!

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