Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

Schlaufzügel-Verbot: Was sich für Pferde verbessert

Wird Springreiten dadurch fairer? Interview mit Dr. Ulrike Thiel

0

Den Kopf frei: Pferde lieben Bewegungsspielraum von Natur aus und lassen sich nicht gern einzwängen. Den Kopf frei: Pferde lieben Bewegungsspielraum von Natur aus und lassen sich nicht gern einzwängen.

Seit 1. Januar 2016 müssen Schweizer Springreiter ihre Schlaufzügel zuhause lassen: Die Reiterliche Vereinigung der Schweiz hat ein Schlaufzügel-Verbot auf Abreiteplätzen nationaler Turniere erlassen. Es geht ums Pferdewohl – und um das Saubermann-Image des Vorreiters Schweiz.

Auch dort war es bislang erlaubt, Pferde bei Turnieren mit Schlaufzügeln abzureiten; oft in Rollkur-Manier: Der Reiter zieht dem Pferd mit Hebelwirkung den Kopf Richtung Brust. Was von Rollkur-Befürwortern als „tief und rund reiten“ beschönigt wird und angeblich das Pferd geschmeidig machen soll, schadet erwiesenermaßen dem Pferd – und inzwischen auch dem Image des Pferdesports.

Genau das fürchten Sport-Funktionäre, wie die zweigleisige Begründung des Schweizer Verbands für das Schlaufzügel-Verbot zeigt: Man wolle damit etwas fürs Pferdewohl tun und etwas für die öffentliche Wahrnehmung des Reitsports. Schließlich stünde der immer mal wieder sogar als olympische Disziplin in Frage.

Als Reitsportjournalistin hatte ich im Sommer 2007 begonnen, auf Abreiteplätzen zu recherchieren, welche Methoden angewandt werden und wie sie auf Pferde wirken. Unterstützt hat mich dabei unter anderem Dr. Ulrike Thiel, die als Trainerin, Richterin, Psychologin und Reittherapeutin in den Niederlanden arbeitet. Mit ihr stand ich 2007 einen Tag lang beim internationalen Mannheimer Maimarkt-Turnier. Wir haben damals erst verblüfft, dann fassungslos beobachtet, wie Pferde mit Hilfe von allerlei knebelnden Hilfszügeln und scharfen, hebelnden Gebissen auf den Ritt im Springparcours vorbereitet wurden.

Dr. Ulrike Thiel arbeitet als Trainerin, Richterin, Psychologin und Reittherapeutin in den Niederlanden.

Dr. Ulrike Thiel arbeitet als Trainerin, Richterin, Psychologin und Reittherapeutin in den Niederlanden. Foto-Copyright: Thiel

Ulrike Thiel heute: „Was wir gesehen haben, war scheußlich: Da gab es keinen Reiter, dem man gut zuschauen konnte. Oder doch, ich erinnere mich an einen: Ein einziger war dabei, der seinem Pferd nix eingeschnallt hatte und locker am längeren Zügel abritt. Alle anderen haben irgendwie manipuliert und irgendwelche Sachen gemacht, wo ich ständig dachte: Wozu mag das wohl gut sein? Auch von sehr bekannten Reitern, die später im Parcours ganz ordentlich geritten sind, hätte ich nicht erwartet, beim Abreiten solche Bilder zu sehen.“

FREUNDPFERD: Was haben denn Reiter im Sinn, die ihre Pferde mit Schlaufzügeln reiten?

Ulrike Thiel: Die komplette Kontrolle über das Pferd. Die erreicht der Reiter mit Schlaufzügeln schneller und bequemer, als wenn er sich mühen müsste, gut zu reiten. Denn das hieße: das Pferd aus dem korrekten Sitz mit feinen Hilfen zu führen, anstatt ihm eine runde Pseudo-Haltung abzuzwingen, die nicht wie man annimmt für die richtige Rückentätigkeit sorgt. Ganz im Gegenteil.

FREUNDPFERD: Gibt es da Unterschiede bei Spring- und Dressurpferden?

Ulrike Thiel: Nein, die Funktion ist im Prinzip dieselbe. Das sieht man ja schon beim Longieren, wenn man ein Pferd dabei so eng macht, dass es sich einrollen muss. In holländischen Lehr-Videos sieht man, wie man das macht. Mit solchen Anleitungen erreicht man, dass Pferde total aufgerollt und schief an der Longe werden, den Rücken wegdrücken und in den Hüften steif werden. Also, man erreicht eigentlich nicht das, was man möchte, hat aber den Eindruck, dass das Pferd sich durch Abknicken im Genick und Hals besser unterordnet und „in Haltung bleibt“. In Deutschland hat Springreiter Alwin Schockemöhle die Schlaufzügel in den 1960er Jahren salonfähig gemacht. Der ritt auch im Parcours ohne Schlaufzügel so weiter, dass das Pferd die Nase auf der Brust hatte. Nach außen wirkt das, als ob sich das Pferd dem Reiter blind anvertraut, so wie der Blinde seinem Blindenhund. Es funktioniert einfach. Aber wollen wir unsere Pferde wirklich blind, wehr- und willenlos machen?

FREUNDPFERD: Auch wenn die Diskussion über pferdefreundlichere Methoden im Reitsport schon seit Jahren läuft, habe ich bei Turnieren immer noch den Eindruck, dass sehr viele Springreiter keinen Wert darauf legen, pferdeschonend zu reiten. Und sie verlassen sich sehr stark auf Hilfsmittel wie Schlaufzügel oder scharfe Gebisse.

Ulrike Thiel: Den Eindruck habe ich auch. Viele Springreiter achten noch weniger auf ihren Sitz als Dressurreiter, und sie genieren sich auch weniger, ihre Pferde zu verbiegen und wie eine Schubkarre auf der Vorhand rumzudrehen. Auch das geht mit Schlaufzügeln nämlich hervorragend. Deshalb sind Schlaufzügelpferde auch ziemlich verdorben: Sie gehen auf der Vorhand, liegen schwer auf der Hand und sind in der Hinterhand blockiert. Also eigentlich etwas, was man gar nicht möchte. Diese Reiter betrügen sich selbst, indem sie eine positive gymnastische Wirkung vom Schlaufzügel erwarten, die dieser allein aus Gründen der physikalischen Kräftewirkung nicht bieten kann.

FREUNDPFERD: Wenn man mit Spring-Experten spricht, hört man, dass ein gutes Springpferd auch ein gutes Dressurpferd sein sollte. Hat mir sogar mal der legendäre US-Trainer George Morris erklärt, und der hat sich wirklich schlaue Gedanken übers Springreiten gemacht. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus.

Ulrike Thiel: Das liegt ja auch daran, dass es beim Springen leichter ist als in der Dressur, das Pferd zu wechseln und sich den Erfolg mit einem neuen Pferd mit viel Springpotenzial zu kaufen, das noch immer, trotz schlechten Reitens, die Höhe schafft. Beim Springen ging’s auch schon viel früher um viel mehr Geld als in der Dressur.

FREUNDPFERD: Es ist natürlich einfach fürs Publikum spektakulärer. Geklatscht wird, wenn einer rasant durch den Parcours fegt und enge Wendungen zirkelt. Wenn da jemand auf einem gut bemuskelten Pferd ohne aufwändiges Riegeln in schöner Balance und freier Haltung unterwegs ist, gewinnt er keinen Blumentopf. Warum gewinnen eigentlich so oft Pferde, von denen man den Eindruck hat, sie sind total eckig, fallen schon beim Einreiten gleich um und können kaum einen ordentlichen Zirkel traben?

Ulrike Thiel: Solche Pferde gewinnen aber keine Springen, bei denen echtes Vermögen gefordert wird, wo die Ritte etwas länger sind und es Sprünge gibt, die Vertrauen in den Reiter, extreme Balance und volle Selbstständigkeit vom Pferd fordern. Etwa beim Hamburger Spring-Derby, das ich mir oft anschaue. Da fallen die meisten gerollten Pferde eher durch den Rost.

FREUNDPFERD: Wie könnte sich denn nun das Schlaufzügel-Verbot in der Schweiz positiv auf die Bedingungen für Springpferde auswirken? Haben Sie da Hoffnung?

Ulrike Thiel: Ja, die habe ich. Denn ich unterstelle den Schweizern nicht, dass die das ausschließlich wegen des Images gemacht haben. Dazu hat die kleine Schweiz schon genug angezettelt in Sachen Pferdewohl. Denken wir nur an Dinge wie das Verbot der Ständerhaltung. Die Schweiz war ein Vorreiter in Sachen Gruppenhaltung, täglicher Auslauf und therapeutisches Reiten, und es herrscht Meldepflicht im Stammbuch für Gelenk-Chips und Chip-OPs, bei denen es ja auch eine genetische Komponente gibt.

FREUNDPFERD: Wird es sich denn aufs Training auswirken, wenn man auf dem Turnier nun nicht mehr mit Schlaufzügeln reiten darf?

Ulrike Thiel: Die Reiter müssen schon andere Techniken entwickeln, um das Pferd zu kontrollieren und zu gymnastizieren. Sie müssen sich mehr mit dem Sitz beschäftigen, als einfach nur am Schlaufzügel zu ziehen. Die Hausaufgabe lautet: Sitzen und Reiten lernen statt Handschellen und Polizeigriff. Wenn sie das daheim probieren, fällt ihnen hoffentlich auf, dass das geht und vielleicht sogar besser klappt. Das wäre die Hoffnung, dass sich für die Pferde echt etwas verbessert. Zumindest haben sie künftig die Chance, sich auf dem Abreiteplatz zu wehren.

Hier gibt’s noch mehr Fairness-Artikel mit Dr. Ulrike Thiel:

Halte-Verbot für Hollands Reiter: Warum die neue Regel Pferde blockiert

Reportage vom Arbeiteplatz: Wie Pferde mit Rollkur gefügig gemacht werden

 

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*