Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

Von Bratwurst bis Giftpflanzen: Warum Pferde alles fressen

Die Fressbremse ist bei Pferden schwach eingestellt. Welche Folgen hat das?

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Christine Felsinger und Pferd Maya. Maya frist. Irgendwas passt bei Maya immer noch rein. Und wenn es komische Dinge am Wegrand sind.

Pferde schnappen nach allem, was fressbar scheint. Sie mögen Pommes und Bratwurst, manche jagen sogar Mäuse und Fisch. Ist das normal? Und gesund? Das sagen Futter- und Verhaltensforscher. 

Irgendwie sind Pferde auch nur Menschen. Sie haben Heißhunger auf Süßes und Fettiges, schlecken kühles Eis und feurige Salsa oder kippen ein Bier zur Bratwurst. Was immer man ihnen vor die Nüstern hält, wird meist neugierig probiert und öfters genüsslich verputzt. Verbotenes schmeckt am besten, und meist dämmern seltsame Futtervorlieben im Verborgenen. Bis das Pferd bei einem Wanderritt sein erstes Schnitzelbrötchen klaut oder sich auf der Stallparty heimlich mit Schnapspralinen beschwipst. Meine Stute Maya zum Beispiel schleckt gerne am Sektglas, während ihr früherer Offenstallkumpel Lucky (ein Haflinger) mal einen Adventskalender aus Sackleinen mit allen aufgehängten Schokopäckchen verspeiste. Zum Glück kam die Verpackung wieder hinten raus.

Reiter staunen über solche Gelüste, Forscher sind gar nicht schockiert. Sie wissen, dass unsere Hauspferde nicht nur zum Haferfresser geboren sind, sondern die absonderlichsten Dinge essen. Manchmal bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, um satt zu werden oder ihr Soll an Mineralien und Vitaminen zu stillen.

„Es sieht lustig aus, wie die Ponys einen Fisch schnappen, der Schwanz noch aus dem Maul hängt und der Rest krachend gekaut wird“

Isländische Züchter etwa karren ihren Pferden im Winter große Plastikfässer mit Salzheringen auf die verschneiten Weiden. „Es sieht lustig aus, wie die Ponys einen Fisch schnappen, der Schwanz noch aus dem Maul hängt und der Rest krachend gekaut wird. Danach lecken sie sich erst mal gründlich das Maul“, erzählte mir vor einigen Jahren die Verhaltensbiologin Machteld van Dierendonck, die jahrelang freilebende Isländer erforschte. Man schätzt, dass Fische den Pferden Salz, Selen sowie die Vitamine A und D liefern, an denen es isländischem Heu manchmal mangelt.

Schlimmer noch mangelt es Pferden an Futter in Zeiten von Not und Krieg. Der 2007 verstorbene, weltweit anerkannte Fütterungsexperte Helmut Meyer, der Professor an der Tierärztlichen Hochschule Hannover war, hatte ein Faible für die Recherche historischer Futtergewohnheiten. Er fand heraus, dass Pferde mit Schlachtabfällen von Schweinen, mit Blut, Sägemehl oder Torf gefüttert wurden. Wobei Fleisch und Blut wenigstens noch Eiweiß liefern, während Sägemehl und Torf wohl nur das Hungerloch im Pferdemagen stopften.

Und die amerikanische Pferdewissenschaftlerin Sarah Ralston stellte zum Thema Futtervorlieben und Futtergewohnheiten nüchtern fest: „Bedingt durch Domestizierung, Futterknappheit und moderne Technik sieht man immer wieder Pferde, die merkwürdige Dinge mit Genuss fressen. Außerdem sind Fütterungspraktiken überall auf der Welt verschieden. Anderswo werden Sachen gefüttert, die ein Amerikaner seinem Pferd nie anbieten würde.“

Dass in Europa traditionell lieber Hafer gefüttert wird, in Amerika mehr Mais in die Krippe kommt und die Vollblut-Araber im Orient häufiger Gerste fressen, ist bekannt. Aber über eine Beschreibung fleischfressender Pferde in einer landwirtschaftlichen Enzyklopädie von 1907 muss man sich schon wundern: „Sie sind wegen des Klimas gezwungen, von Milch, Fleischbällchen, Eiern und der Fleischbrühe aus Schafsköpfen zu leben.“ Ob das wirklich stimmt? Wir können es heute nicht mehr nachprüfen, und solche Anekdoten gibt es viele.

Annette Zeyner, Professorin für Tierernährung an der Uni Halle-Wittenberg und selbst Pferdebesitzerin, stand Rede und Antwort zu den irren Gelüsten der Pferde.

Annette Zeyner, Professorin für Tierernährung an der Uni Halle-Wittenberg und selbst Pferdebesitzerin, stand Rede und Antwort zu den irren Gelüsten der Pferde.

Echte Fakten über die Geschmacksgelüste von Pferden sind freilich rar; da müssen selbst renommierte Futterforscher wie Annette Zeyner, Professorin für Tierernährung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, weitgehend passen: „Der Geschmackssinn ist bei Haustieren noch schwerer zu überprüfen als der Geruchssinn. Prinzipiell sind solche Studien mit vielen Fehlern behaftet, und außerdem existieren zum Pferd kaum welche. Die Überprüfung des Geschmackssinns erfolgt, wenn überhaupt, anhand der Akzeptanz des Futters.“

Ein bisschen weiß man aber schon, sagt Zeyner, die selbst Reiterin ist und entsprechend neugierig auf die Vorlieben ihrer Lieblingstiere: „Maisöl mögen Pferde lieber als Sojaöl, das wurde bereits untersucht. Man weiß auch, dass es eine erlernte Geschmacksabneigung gibt: Wenn Pferde das Fressen eines bestimmten Futters mit Unwohlsein verbinden, lehnen sie dieses Futter danach ziemlich lang ab.“ Untersucht wurde ein solches Verhalten an Ratten, bei denen man künstlich Entzündungen auslöste und ihnen parallel Futter gab, das später verschmäht wurde.

„Fohlen ahmen schon früh die Mutter nach und mümmeln an der Krippe. Möglich, dass sie für das Futter, das sie dabei erwischen, auch später ein Faible haben.“

„Ich gehe aber davon aus, dass es solche erlernten Abneigungen gegen bestimmtes Futter auch bei Pferden gibt. Umgekehrt bilden sich vielleicht auch Geschmacksvorlieben, die länger anhalten“, mutmaßt Annette Zeyner und denkt an Fohlen, die sie in den Universitätsställen beobachten kann. „Die ahmen schon früh die Mutter nach und mümmeln an der Krippe. Möglich, dass sie für das Futter, das sie dabei erwischen, auch später ein Faible haben.“

Dem könnte nachgeholfen werden, indem man Futter künstlich so aromatisiert, dass es dem Gewohnheitstier Pferd immer gleich gut schmeckt. Genaues weiß keiner, Futterhersteller für Tiere halten sich dazu ebenso bedeckt wie Food-Produzenten für Menschen.

Deutsche Anlagen, in denen Aromastoffe ausgebrütet und produziert werden, ähneln denn auch Hochsicherheitstrakten. In Amerika ist man entspannter und kommuniziert schon mal, dass Futter und Essen aromatisiert wird. Zum Beispiel, um Futtersammensetzungen ändern zu können, ohne dass Pferde das merken. Oder um einen vertrauten Geruch für den menschlichen Käufer zu erzeugen. Oder schlicht deshalb, weil man schlecht schmeckende Inhaltsstoffe maskieren will – ein Kniff, den auch Pferdebesitzer manchmal anwenden: Wenn wir unseren Pferden Medikamente unterjubeln wollen, helfen wir mit guten Geschmäckern nach. Mogeln Hustenpulver in Mash, stecken Tabletten in Bananen oder gießen Rübensaft über das Ganze.

Vor einigen Jahren bekam ich zufällig die interne Studie eines amerikanischen Futterherstellers in die Hand, die Apfel als Lieblingsgeschmack von Pferden ermittelt hatte. Anlass waren Beschwerden von Pferdebesitzern, das Mineralfutter würde schlecht gefressen. Also experimentierte man mit neun Quarter- und Paint-Wallachen sowie drei Aroma-Konzentraten, kam aber nur zum Ergebnis, dass der traditionell beliebte und bewährte Apfelgeschmack nicht zu toppen ist.

„Manche Pferde sind eben extrem wählerisch, andere fressen alles. Das macht es schwierig, Geschmacksvorlieben zu untersuchen“, hieß es in der Studie. „Will man die Akzeptanz von Mineralfutter verbessern, brauchen wir viele weitere Untersuchungen und müssen uns stets vor Augen halten, dass der Mensch, der das Pferd füttert, oft der entscheidende Faktor ist.“

„Dass manches Futter ein Verkaufsrenner wird, kann schlicht daran liegen, dass es für den Menschen gut riecht“

Wenn Futterhersteller also ein neues Mineralfutter oder Müsli kreieren, tun sie gut daran, zunächst die Reiternase angenehm zu beduften. „Pferde werden vorwiegend von Frauen gehalten, die eher auf die Ernährung achten als Männer. Wenn eine Frau die Futterdose aufmacht, und es duftet lecker, wird sie es  vielleicht eher kaufen“, sagt Annette Zeyner. „Dass manches Futter ein Verkaufsrenner wird, kann also schlicht daran liegen, dass es für den Menschen gut riecht.“

Ist das Pferd dagegen scharf auf die Leibspeise seines Reiters, könnte dies an einem sozialen Phänomen liegen: Pferde fressen gerne in der Gruppe und sind scharf auf alles, was ihr Kumpel gerade knabbert. Egal ob Pferd oder Mensch, ob Heu, Einstreu, Mash, Chips, Schokoriegel oder Mini-Salami: Zumindest will ein Pferd das mal probieren. Meine Stute Maya zum Beispiel verweigert Mash in jeder Zubereitungsform. Aber sie schleckt begeistert den Eimer aus, wenn sie sieht, dass daraus ein anderes Pferd gefressen hat. Oder steckt die Nase in die Weißweinschorle, wenn sie das Glas in meiner Hand sieht.

„Pferde sind sehr neugierig. Und schon ein Fohlen ahmt die Mutter als früheste Vertrauensperson nach. Mittlerweile ist bekannt, dass Pferde von höherrangigen Tieren Verhaltensmuster übernehmen. Warum sollte es nicht auch den Menschen nachahmen, zu dem es eine enge Bindung hat und den es unter Umständen auch als höherrangig anerkennt?“ spekuliert Annette Zeyner.

„Die Fressbremse ist beim Pferd sehr schwach eingestellt. Das sieht man schon daran, dass sie sich am Kraftfutter totfressen könnten“

Der Mensch lenkt also, was das Pferd lecker findet. Und er muss irgendwann bremsen, wenn das Pferd zügellose Gelüste entwickelt. „Die Fressbremse ist beim Pferd sehr schwach eingestellt. Das sieht man schon daran, dass sie sich am Kraftfutter totfressen könnten: Sie hören einfach nicht rechtzeitig genug auf“, sagt Annette Zeyner. Dasselbe gilt für Giftpflanzen, die von manchen Pferde gemieden und von anderen gierig gefressen werden.

„Warum das so ist, wissen wir noch nicht“, sagt Zeyner und erzählt, dass sie bei einem Reiturlaub in der Türkei die Pferde zwischen giftigem Schachtelhalm und Farn anbinden mussten, weil es einfach nicht anders ging. „Kein einziges der Pferde ging dran, während unsere deutschen Pferde das leider durchaus fressen.“

Solange ein Pferd nichts Giftiges oder Verdorbenes frisst, findet die Futter-Fachfrau es jedenfalls nicht tragisch, wenn ein Pferd ausnahmsweise am Eis nascht oder ein paar Pommes frisst. „Selbst wenn es mal eine Bratwurst erwischt, fällt es noch nicht tot um.“ Eine Konsequenz hat so ein ungewöhnliches Menü freilich schon, merkt Zeyner schmunzelnd an: „Schlachten dürften Sie das Pferd anschließend nicht. Eine Bratwurst ist futtermittelrechtlich für Pferde nicht zugelassen.“

Hier gibt’s mehr Infos und Tipps zu Futterproblemen: 

„Sie hat sich tot gefressen“: Erfahrungsbericht mit Haltungs- und Fütterungstipps zu Hufrehe

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