Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

Mehr Ball-Gefühl für guten Sitz

Die genialen Franklin®-Bälle bieten Reitern viele Aha-Erlebnisse

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Ball zwischen Oberschenkel und Sattel: So werden Verspannungen um die Hüftgelenke und in den Oberschenkeln gelöst. Foto: Wiemer Ball zwischen Oberschenkel und Sattel: So werden Verspannungen um die Hüftgelenke und in den Oberschenkeln gelöst. Foto: Wiemer

Rollst du noch, oder schwingst du schon? Unsere FREUNDPFERD-Trainings-Expertin und ReitKultur-Autorin Sibylle Wiemer vergleicht altbewährte und innovative Methoden in der Sitzschulung. Sie macht mit ihren Reitschülern und den genialen Franklin®-Bällen seit einigen Monaten tolle Rollenspiele. Sibylle Wiemer ist FN-Trainerin A und Bewegungsberaterin, außerdem Ehrenmitglied der Ecole de Légèreté von Philippe Karl.

Reitlehrerin Sibylle Wiemer kennt die Sorgen von Reiterinnen, die zu dick sind oder sich dick fühlen. Foto-Copyright: Wiemer

Reitlehrerin Sibylle Wiemer kennt die Sorgen von Reiterinnen, die sich unbeweglich, steif und oft auch zu dick fühlen. Foto: Wiemer

Wir sprechen vom Sitzen auf dem Pferd. Wir sitzen viel, in manchen Berufen den ganzen Tag. Das Gesäß auf dem Stuhl, der Oberkörper aufrecht – mit oder ohne anlehnen; wir sitzen halt. Stellen Sie sich bitte die gleiche Tätigkeit auf einem schwungvollen Warmblüter im Trab vor – und schon wird deutlich, dass das Sitzen auf dem Pferd biomechanisch nicht das übliche „Sitzen“ ist, sondern irgendwie anders: beweglicher, schwingend, mitgehend, dynamisch.

Stellen wir uns vor, dass beim Reiten direkt an unseren Sitzbeinhöckern zwei Füße angewachsen sind. Altbewährte Begriffe wie „mitgehen“ oder „mitschwingen“ werden so fühlbar und nachvollziehbar. Becken und Hüften sind in Bewegung, abwechselnd rechts und links, rauf und runter, vor und zurück – eine dreidimensionale Bewegung wie beim eigenen Gehen, Laufen oder im Pferdchensprung.

Von einem sich bewegenden Pferd getragen zu werden, hat etwas Bewegendes, Fließendes und Beschwingtes

Die Hinterbeine des Pferdes werden zu unseren Beinen, und wir lernen, passiv zu gehen – uns „gehen zu lassen“. Der Reiter lässt es zu, dass das Pferd ihn bewegt und nimmt dann erst Einfluss. Der Reiter lässt los, um sich vom Pferd bewegen zu lassen. Es entsteht ein tief verbundenes Miteinander zweier Körper, zweier Rücken, zweier Becken. Genau das macht das Reiten so einzigartig. Haben Sie jemals so ein Gefühlshoch beim „Sitzen“ auf einem Stuhl erlebt?

Leichttraben in der Reitbahn: Der Reiter sitzt geschmeidig, damit das Pferd Schwung entwickeln kann. Foto-Copyright: Wiemer

Leichttraben in der Reitbahn: Der Reiter sitzt geschmeidig, damit das Pferd Schwung entwickeln kann: Wiemer

Ein Blick in Deutschlands Reithallen lässt uns erstarren. „Absatz tief“, „Sitz gerade“ und „Hände ruhig“ – so lauten die mehr oder weniger freundlichen Anweisungen. Reitanfänger, ob groß oder klein, sind bemüht, dem zu folgen, werden dabei immer angespannter und verkrampfter. Sie zahlen Unmengen an Honoraren, um irgendwie diesen Kommandos folgen zu können. Sie möchten das Reiten doch so gerne lernen. Und dabei wird nicht in Frage gestellt, ob diese Anweisungen überhaupt angebracht und umsetzbar sind. Selbstzweifel und Missmut machen sich breit.

Die Deutsche Reiterei, auch die FN, beruft sich in ihrer Lehre gern auf die „alten Meister“, wobei die jüngsten von ihnen noch gar nicht so lange tot sind. Schauen wir doch mal in große Zeit der alten Meister: Haben sie solche formalen Anweisungen tatsächlich propagiert und befürwortet? Wie sahen sie den Reiter auf dem Pferd? Mit welchem Sitz kann er effektiv einwirken?

Kurz gesagt: Kommt darauf an, welches Ziel er verfolgt. Es gab Zeiten, da stand der Reiter mehr oder weniger auf dem Pferd und streckte die Beine nach vorne. Das gab ihm Halt im Kampf. Der Damensattel war bis vor 100 Jahren für die Frauenwelt ein Muss. Erst seit dem zweiten Weltkrieg hat sich die Rolle der Pferde grundlegend verändert. Die Menschheit braucht das Pferd nicht mehr für Fortbewegung, Kriege und den Transport von Briefen oder Waren. Das Reiten als Hobby ist nicht mehr allein der Oberschicht vorbehalten. Früher hatte es etwas Besonderes und Elitäres; heute kann sich fast jeder ein Pferd leisten und es in einem einfachen Stall halten. Frauen verdienen heute ihr eigenes Geld und geben es für ihr geliebtes Pferd aus.

Und so ist die moderne Reiterei geprägt von großen, kleinen, dicken, dünnen, jungen und alten Frauen und Männern, die eine mehr oder weniger gründliche Basisausbildung erfahren haben. Longenstunden für Anfänger in vielen Reitschulen out, weil teuer, Sitzschulung ist nicht mehr gefragt. Reiten soll Spaß machen, dazu braucht man keine „Leine“. Dabei sieht es doch eigentlich ganz anders aus: Reiten zu lernen ist ein lebenslanger Prozess. Aber in der modernen Zeit der Power- und Reset-Knöpfe muss Lernen schnell gehen – wer nicht mehr vom Pferd fällt, gilt als ausgelernt.

Müseler & Co: So lehrten die alten Reitmeister den Weg zum balancierten, losgelassenen Sitz

Als erster deutscher Hippologe kümmert sich Ludwig Hünersdorf um den Sitz von Amateuren. Er schreibt zu Beginn des 19. Jahrhunderts: „Überhaupt ist bei dem Sitz zu Pferde noch zu bemerken, daß der Reiter, wenn er sich Haltung geben will, sich nicht starr machen darf. Sein Körper muß geschmeidig bleiben, nachgebend und widerstehen.“

Paul Plinzner, Oberstallmeister des letzten deutschen Kaisers, findet ebenfalls: „Die Verbindung des Reiters mit dem Pferde kann nur dann eine völlig passiv anschmiegsame sein, wenn derselbe nirgends einen Zwang anwendet, um seinem Körper beabsichtige oder befohlene, also willkürliche Formen zu geben.“

Und Wilhelm Müseler, dessen „Reitlehre“ seit 80 Jahren zu den Standardwerken in Reiters Bücherschrank gehört, formuliert 1936: „Der Sitz des Reiters bezieht sich weniger auf die Haltung der Gliedmaßen, als vielmehr darauf, ob der Reiter „losgelassen“ zu Pferde sitzt, sich nur durch die „Balance“ im Sattel hält und „in die Bewegungen des Pferdes eingehen“ gelernt hat.“

In seiner allerersten „Reitlehre“-Ausgabe verzichtet der alte Müseler sogar auf ein Foto des korrekten Sitzes und verweist auf die Gefahr einer Überschätzung der äußeren Form: „Balance, Losgelassenheit und Eingehen in die Bewegung des Pferdes lassen sich kaum abbilden, ebenso wenig das Gefühl. … Der Blick muss auf diese wesentlichen Elemente gelenkt werden.“ Er warnt, die größte Gefahr für die Beeinträchtigung der Losgelassenheit lauere in „Sitzkorrekturen“ und erklärt: „Die Haltung des Körpers und der Gliedmaßen ist abhängig von ihrem Gebrauch. Der Reiter soll aber nicht „geradesitzen“ lernen (die Form), sondern „Reiten“.“

Hier schließt sich der Kreis zu modernen Bewegungspädagogen wie Eckart Meyners, der sich seit Jahrzehnten um funktionale Sitzschulung im Reiten bemüht. Meyners lehrt, dass besonders in der Basisausbildung, aber auch in der notwendigen Sitzschulung fortgeschrittener Reiter, rein formale Anweisungen zu vermeiden sind und Aufgaben, die das Bewegungsgefühl und dass „kognitive, emotionale und psychomotorische Geschehen im Inneren des Reiters“ ansprechen, genutzt werden. Auch Lernen muss also gelernt werden.

Plinzner erläutert zum Bewegungsgefühl vor 100 Jahren: „Wer aber strenge Gleichmäßigkeit des Sitzes verlangt, ohne die Beschaffenheit und die Reitverfassung der einzelnen Pferde zu berücksichtigen, tut dies auf Kosten der Leistung seiner Truppe, denn nur diejenige Truppe hat die reiterliche Grundlage einer guten Leistung, in welcher jeder Mann zu seinem Pferde richtig sitzt.“ Er schreibt nicht „gut sitzt“, sondern „richtig sitzt“, und das erklärt er mit folgendem Satz: „Der Sitz des Reiters muss unter allen Umständen richtig genannt werden, wenn das Pferd unter ihm dauernd gut geht.“

Wir dürfen unsere Reitschüler nicht in eine Form pressen; vielleicht sogar noch weniger als jene Ausbilder, die das berittene Militär geschult haben. Damals waren die Reitvorschriften für junge Männer geschrieben. Heute reiten so unterschiedliche Menschentypen. Wir finden unterschiedlichste Kleidergrößen, Körpergrößen und mannigfaltige Vorgeschichten. Sie alle über einen Kamm zu scheren ist nicht nur unsinnig, sondern für Pferde unerträglich.

Auf der Geraden: Hand und Arm bilden mit dem Zügel eine Linie zum Pferdemaul. Foto: Wiemer

Auf der Geraden: Hand und Arm bilden mit dem Zügel eine Linie zum Pferdemaul. Foto: Wiemer

Zügelkraftmessungen zeigen, dass bereits ein einziges angespanntes Gelenk zu mehr Belastung im Pferdemaul führt, und das schon bei losem Zügel. Nicht die Länge des Zügels, sondern die Handhaltung ist daher ausschlaggebend für das vielbeschworene „sanfte Reiten“!

Oeynhausen beschreibt dazu vor fast 200 Jahren „Die Grundlagen zu einer guten Hand:

  1. Der regelmäßige, ruhige, freie Sitz.
  2. Die Beurteilungsfähigkeit des Reiters, die Stellung der Hand nach der Bauart, der Geschicklichkeit und den für den Augenblick an das Pferd zu machenden Anforderungen einzurichten, und endlich:
  3. Die Geschicklichkeit des Reiters, die Schenkelhilfen mit denen der Hand übereinstimmend zu verbinden.“

Kein altes oder modernes Lehrbuch beschreibt, dass die Hand des Reiters tief und festgestellt sein soll. Bisweilen wird Unbeweglichkeit erwähnt, aber die Umsetzung dessen nicht näher beleuchtet. Anatomische Gegebenheiten, welche die Handhaltung von Mensch zu Mensch unterschiedlich beeinflussen, bleiben unerklärt.

Unser Gehirn will ja brav sein, auch im Reitunterricht. Es will das durch die Reithalle gerufene „Halt die Hände still“ umsetzen und ordnet an: „Gehirn an Arme und Hände – bewegt euch nicht!“ Daraufhin versucht unser Körper, alle Bewegungen zwischen Kopf und Armen bis zu den Händen zu verhindern. Meist werden dazu Gelenke festgestellt. Das könnte sogar gelingen – wären nicht 500 Kilo lebendige Dynamik unter uns!

Schwung verbessert den Trab und formt Muskeln; besonders, wenn wir die Kopf-Hals-Position variieren: Dressurreiten im Gelände klappt oft besser, weil die Pferde motivierter vorwärts gehen. Foto-Copyright: Wiemer

Schwung verbessert den Gang und formt Muskeln; besonders, wenn wir die Kopf-Hals-Position variieren. Das klappt im Gelände oft besser, weil die Pferde motivierter vorwärts gehen. Foto: Wiemer

Der Reiter stellt nicht in Frage, ob eine Anordnung oder deren Inhalt richtig ist oder ob er sie richtig verstanden hat. Kein Reitschüler fordert die Zeit ein, die er braucht, um den Umgang mit seinem Körper auf dem sich bewegenden Pferd so zu lernen, dass die Hände das Pferdemaul nicht mehr stören. Ihm bleibt versagt zu erfahren, wie er die Bewegungen des Pferdemauls spüren und ihnen folgen kann. Er sollte lernen, dass seine rechte Hand fühlt, was seine linke Hand tut. Er sollte spüren können, ob das Pferd kaut und wann er leichter werden kann in der Verbindung zwischen Händen und Maul. Viele Reitlehrer haben dafür keine Zeit und keine Sprache. Sie sagen „stillhalten“ und meinen ein Bewegungsgefühl, das mit zuhören, kommunizieren und einem sanften Miteinander zu tun hat.

Sich selbst auf einem sich bewegenden Pferd auszubalancieren, losgelassen allen Bewegungen in allen Gangarten folgen zu können und darauf bauend Einfluss auf das Pferd zu nehmen, erfordert viel Zeit. Rare Zeit. Das ist freilich kein neuer Konflikt, denn selbst in der guten alten Zeit vor 100 Jahren, fernab von Autobahnen und Internet, war das schon Thema. So schreibt Louis Seeger: „Ist der Anfänger mit dem bisher Geübten, also hauptsächlich mit dem richtigen Sitz zu Pferde bekannt, so ist es Zeit, ihn mit der Führung zu beschäftigen. Es durfte nicht früher geschehen, weil es erfolglos gewesen wäre, denn sobald der Schüler noch mit seinem Sitz zu kämpfen hat, ist es ihm unmöglich, seiner Hand gehörige Aufmerksamkeit zu schenken.“

Ist es fehlendes Wissen, schlechtes Zeitmanagement oder schlichte Unlust der Ausbilder, sich Stunde um Stunde mit einem Anfänger zu beschäftigen, der das Loslassen in doppelten Sinne versucht? Einmal bemüht er sich, seine Muskulatur zu entspannen. Zum anderen lernt er, nicht auf Kosten seiner Grundhaltung loszulassen, zügelunabhängig zu reiten und sich im Beckengürtel auszubalancieren. Liegt es am Geld, dass viele Reitschulen Abstand nehmen vom intensiven Basisunterricht? Nach meinem Interview mit dem klassischen Lehrmeister Eberhard Weiß (nachzulesen in „ReitKultur, Das Bookazin für die klassischen Reitweisen“, Ausgabe 1, 2016, Seite 40) wurde mir klar, dass es nicht mehr modern ist, sich abzumühen, sich anzustrengen und geduldig in kleinsten Schritten einen lebenslangen Lernprozess zu beginnen. „Ich kann reiten“ höre ich oft schon nach dem Urlaubsritt am tunesischen Strand. Wie ich schon eingangs schrieb: Wer nicht runterfällt, „kann reiten“!

Passion für Pferde: Sibylle Wiemer und Eberhard Weiss haben sich dem Unterricht in der klassischen Reitweise verschrieben. Foto: Wiemer

Passion für Pferde: Sibylle Wiemer und Eberhard Weiss haben sich dem Unterricht in der klassischen Reitweise verschrieben. Foto: Wiemer

Eberhard Weiß erzählte mir, dass es vor Jahrzehnten üblich war, nach Reitstunden erschöpft zu sein. Das ist heute verpönt, aber warum eigentlich? Wer erschöpft ist, stellt sich nicht mehr mit Kraft gegen das Pferd. Ein entkräfteter Reiter spannt seine Muskeln nicht mehr an, er lässt los und kann sich nur noch bewegen lassen. Das stimmt mich nachdenklich, denn heutzutage treffe ich viele Reiter, die angespannt bis verkrampft sind. Sie reiten im Hohlkreuz, mit verkanteten Handgelenken oder herunter gedrückten Händen, ziehen Knie und Absatz hoch. Loslassen ist ein großes, schwieriges Thema.

Ich hätte wohl keine Reitschüler mehr, wenn ich sie bitten würde, bis an den Rand der Erschöpfung zu reiten, gleichzeitig sind mir Losgelassenheit und Körperbewusstsein im Unterricht sehr wichtig. Der Reiter kann nur ändern, was er fühlt. Es gilt also, das Empfinden für den eigenen Muskeltonus zu erspüren und dann gezielt einzusetzen.

Eckart Meyners kenne ich seit gut 30 Jahren. Er ist Wissenschaftler durch und durch, hat in den letzten Jahren Bücher von Eric Franklin gelesen und daraus Übungen entwickelt, die Reitern genau dieses Körpergefühl vermitteln.

Die Franklin-Methode® hat eigentlich nichts mit dem Reiten zu tun, aber die Bälle und Rollen, die eingesetzt werden, helfen uns enorm in Verbindung mit den richtigen Übungen im Stehen, im Liegen und im Sitzen. Franklin entwickelte Übungen für Gleichgewicht und Beweglichkeit, für Kraft und Koordination. Er propagiert, die Übungen zu dosieren, nicht zuviel auf einmal verändern zu wollen. Auch hier steht das Gefühl für den eigenen Körper und das Bewusstsein für die eigenen Bewegungen im Focus.

Ich setze die Bälle und Rollen zu Pferd seit einem Jahr ein. In der Praxis und durch die Praxis entscheide ich, wann ich mit welchem Reiter welche Rolle einsetzen möchte. Erst habe ich mehrere Reiter beobachtet, die während des Schrittreitens im Sattel auf der türkisfarbenen Franklin®-Minirolle saßen. Zweierlei fiel mir damals auf: Beckengürtel und unterer Rücken wurden intensiver bewegt. Die luftgefüllte Rolle verdeutlichte dem Reiter die Bewegungen des Pferdes und intensivierte das Bewegungsgefühl. Das liegt daran, dass die Rolle auf die tiefe Beckenmuskulatur und auf die Faszien wirkt, also jenes Bindegewebe, das alle Strukturen im Körper verbindet.

Die Rückmeldungen der Reiter reichen von „Das ist ja toll“ bis hin zum Kichern und Lachen

Interessant ist, dass das Sitzen selbst kaum Druckschmerz auslöst, vielmehr kommt es zu Dehnungsschmerz und leichtem Ziehen in den Beinen, an den Schultern und oft auch am Kopf. So wird deutlich, dass die Wirbelsäule wie eine Schaltstelle das Zungenbein und den Unterkiefer, den Schultergürtel und die Arme sowie den Beckengürtel und die Beine miteinander vernetzt.

In meinen Praxistests wurde mir klar, dass die Einsatzmöglichkeiten der Franklin®Rolle und der Bälle den gesamten Körper ansprechen. Wir Reiter haben verschiedene Möglichkeiten, auf dem Pferd unser Bewegungsgefühl und unsere Faszien, Muskeln und Bänder zu beeinflussen. Wir wollen ja alle losgelassen mitschwingen, und trotzdem gelingt es unserem Körper immer wieder, oft unbewusst, einzelne Partien anzuspannen oder zu verkrampfen. Tief gedrückte Hände, hochgezogene Knie und Absätze oder der Blick auf den Pferdehals kennen wir gut.

Beim Reiten quer auf der Minirolle können Reiter den tiefen Sitz besonders gut spüren. Foto: Wiemer

Beim Reiten quer auf der Minirolle können Reiter den tiefen Sitz besonders gut spüren. Foto: Wiemer

Probieren Sie es doch einfach mal aus: Setzen Sie sich auf die luftgefüllte Franklin®-Minirolle. Legen Sie diese quer unter Ihr Gesäß, so dass Sie weder ins Hohlkreuz noch in den runden Rücken kommen. Sie sitzen dann mit Ihrem Darmbein-/Schambeinkufen und den Sitzbeinhöckern auf der Rolle und werden bewegt. Reiten Sie eine Runde Schritt. Wenn Sie sich sicher fühlen, traben Sie im Aussitzen an oder galoppieren. Lassen Sie sich Zeit, spüren Sie in Ihren Körper hinein. Achten Sie auf Veränderungen in der Beweglichkeit, Anspannung und Entspannung sowie das Gefühl von Druck oder Ziehen.

Manchen Reitern reichen in der ersten Sitzung wenige Minuten, andere mögen die Rolle nicht mehr hergeben. Es gibt kein Richtig und Falsch, Hauptsache, Sie vertrauen Ihrem Gefühl.

Der Aha-Moment und die eigentliche Wirkung der Minirolle kommt, wenn Sie wieder blank im Sattel sitzen

Ich habe so oft erlebt, dass Reiter laut gelacht oder sich gefreut haben; sichtlich gerührt, dass Sie die intensive Verbindung zwischen Becken, Gesäß, Sattel und dem Pferd spüren.

Diese kleine Rolle schafft es, die tiefe Beckenmuskulatur so eindrücklich zu lösen, dass ein außergewöhnlicher Sinneswandel entsteht. Der Beckengürtel, der ganze Körper und alle Sinne, besonders die, die das Bewegungsgefühl ansprechen, scheinen verändert, und das ausnahmslos positiv. Der um diese Minirolle entstandene Hype in der Reiterei ist daher total berechtigt.

Bleibt die Frage, ob solche innovativen Rollen-Spiele genau die tiefgreifende Losgelassenheit bewirken, an der die alten Meister so hart arbeiten mussten. Die Antwort ist Jein: Das Reiten auf der Rolle ersetzt nicht die eigenen Bewegungen oder die Funktionalgymnastik für den Reiter. Es kann aber dem Anfänger und dem Fortgeschrittenen körpereigene Vorgänge verdeutlichen und unterstützt nachhaltig das Loslassen in der Beckenbodenmuskulatur.

Schauen wir ein letztes Mal auf die alten Meister. Hof-Oberstallmeister Plinzner sagt: „Es ist eine Ungenauigkeit, von einem Reiter zu sagen, er habe einen guten Sitz, statt dessen sollte man sagen, er habe die Fähigkeit, seinen Sitz jedem Pferde richtig anzupassen.“ Und ergänzt: „Will man an diesem Resultat noch gewaltsam herumgondeln, so tut man es auf Kosten der Gefühlsfähigkeit und damit der Leistung.“

Die Muskulatur derart loslassen, dass wir widerstandslos den Bewegungen des Pferdes folgen und Bewegungsgefühl sowie Einfühlungsvermögen entwickeln können: Das ist unser aller Ziel. Wir kommen ihm mit verschiedensten Gymnastikübungen ohne und mit Pferd näher. Und dürfen moderne Hilfsmittel einsetzen, etwa aus der Franklin-Methode®. Wichtig zu wissen ist: Sich einfach nur auf ein Pferd zu setzen, reicht bei weitem nicht aus, um die Faszination im harmonischen Miteinander zwischen Mensch und Pferd zu erleben.

Bälle unter den Achseln helfen dem Reiter, den Schultergürtel freier zu bewegen. Gleichzeitig wird die Hand feiner. Foto: Wiemer

Bälle unter den Achseln helfen dem Reiter, den Schultergürtel freier zu bewegen. Gleichzeitig wird die Hand feiner. Foto: Wiemer

Orange und grün für weiche Hände

Nehmen Sie die orangefarbenen Franklin®-Bälle oder die grünen Original-Franklin®-Bälle unter die Achseln und reiten damit ganz normal alle Lektionen und Gangarten. Das wirkt befreiend auf den Schultergürtel, löst die Muskulatur der Schultermanschette und verändert die Nutzung der Hand, weil es Fehlbewegungen der Arme und Anspannung in den einzelnen Gelenken verhindert.

Ball zwischen Oberschenkel und Sattel: So werden Verspannungen um die Hüftgelenke und in den Oberschenkeln gelöst. Foto: Wiemer

Ball zwischen Oberschenkel und Sattel: So werden Verspannungen um die Hüftgelenke und in den Oberschenkeln gelöst. Foto: Wiemer

Die Lösung gegen Klemmen

Platzieren Sie die Franklin®-Bälle zwischen den Oberschenkeln und dem Sattel. So werden Verspannungen rund um die Hüftgelenke und in den Oberschenkeln erst verdeutlicht, dann gelöst. Die Bälle verhindern Klemmen der Oberschenkel oder Hochziehen der Knie und lösen auf andere Art und Weise wie die Rolle die Becken-, Hüft- und Beinmuskulatur. Es bleibt Ihnen überlassen, welchen Ball Sie nutzen wollen – die Original-Franklin®-Bälle wirken etwas intensiver auf die Faszien.

Eric Franklin: Ein Tänzer hilft auch Reitern

Der Schweizer Eric Franklin ist Tänzer und absolvierte die Tanzhochschule der Universität New York. Franklin ist Bewegungspädagoge und Autor vieler interessanter Bücher. Er unterrichtet in verschiedenen Ländern, u. a. in London, Dänemark und Amerika. Seine Methode umfasst Bewegung und Tanz, die die Kraft der Imagination kombiniert und die Anatomie zu einem unvergesslichen Lernerlebnis macht. Sein Ansatz: Durch das Ändern von Gedanken wird sich auch der Körper verändern. Mit der Franklin-Methode® gelingt es, Schmerzen zu lösen, Angst zu verringern, Beweglichkeit zu fördern und das Körperbewusstsein zu stärken.

Dieser Artikel stammt aus dem Bookazin „ReitKultur, Ausgabe 1: Der Sitz, dem Pferde vertrauen“. Das hochwertige Bookazin für die klassischen Reitweisen erscheint zweimal jährlich im Crystal Verlag (Preis: 14,90 Euro) und hat ein außergewöhnliches Format und Konzept. Renommierte Autoren berichten über pferdegerechtes Reiten, geben Tipps und lassen das Wissen der alten Reitmeister wieder neu aufleben. Aktuelle Ausgabe hier bestellen!

"ReitKultur" ist das Bookazin der klassischen Reitweisen. In Ausgabe 2 schreiben renommierte Autoren über feine Hilfen.

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