Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

Sommer-Special „Wasser“: Das spannendste Futter fürs Pferd

Warum Pferde je nach Futter mehr Wasser brauchen – und wie es zum Laufen animiert

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Pferde lieben es, erst im Wasser zu planschen und dann zu trinken. Hier beim Wanderritt auf dem Paint-Mix Phoebe, der meiner Freundin Silke gehört. Foto: Felsinger Pferde lieben es, erst im Wasser zu planschen und dann zu trinken. Hier beim Wanderritt auf dem Paint-Mix Phoebe, der meiner Freundin Silke gehört. Foto: Felsinger

Saufen, Spielen, Planschen, Prusten: Kein anderes Pferdefutter ist so spannend und sozial wie Wasser. Wollt ihr wissen, was euer Pferd damit anstellt? Dann lasst uns mal ganz vorne anfangen…

Es stank wie die Hölle. Schwefeldunst waberte um die Erde, darunter prallten in einer Riesenpfütze chemische Teilchen aufeinander und verschmolzen vor vier Milliarden Jahren zufällig zu den ersten Lebewesen – Bakterien.

Diese feuchte Vorgeschichte ist schuld daran, dass bis heute kein Tier, ob Wüstenspringmaus oder Islandpony, ohne Wasser leben kann. Zu 65 Prozent füllt es den Körper eines erwachsenen Pferdes, doch dieser Tank ist an zig Stellen leck: Mit jedem Atemzug, jedem Tropfen Schweiß, Urin oder Milch sinkt der Pegel im Pferd. Deshalb muss es bis zu 50 Liter Wasser täglich durch trinken und Gras fressen ersetzen.

Eine dürrer Stängel Wahrheit, um den sich saftige Mythen und spannende Fragen für Verhaltensforscher und Physiologen ranken: Haben Pferde einen Riecher für Schadstoffe im Wasser? Wie überstehen Pferde in der Wüste tagelange Durststrecken, und wie viel Wasser trinkt ein Pferd denn genau?

Wissenschaftler fanden noch nicht alle Antworten, obwohl sie seit Jahrzehnten Wasser-Messuhren an Pferdetränke schließen, wilde Przewalski-Pferde zu mongolischen Tümpeln begleiten oder die Gene von Wüstenpferden entschlüsseln. Sicher ist: Unsere Hauspferde bewahrten viel vom Erbe ihrer Vorfahren. Sie rüsseln zum Beispiel gerne tief in Teichen, schaufeln lieber durch giftgrüne Entengrütze oder stecken ihre Nasen in Eimer, als manierlich aus Hightech-Selbsttränken zu nippen – die in vielen Ställen immer noch zu hoch montiert sind und Pferde zwingen, den Kopf unnatürlich abzuwinkeln.

Soviel zum Servieren. Was die Temperatur ihrer Drinks anlangt, sind Pferde härter im Nehmen, als wir Menschen uns das vorstellen können:

Vor die Wahl zwischen kalt und warm gestellt, trinken Pferde instinktiv kalt

Das beobachteten amerikanische Verhaltensforscher um Dr. Sue McDonnell. Die erklärt sich das so:„Kalt heißt eben in der Natur: frisch.“

Dass derselbe Instinkt, der Pferde zum frischen kühlen Wasser treibt, manchmal auch trügt – das zeigen Geschichten von Pferden, die sich durstig auf alles stürzen, was entfernt nach Wasser riecht. Das hat Stefan Zöller, mehrfacher deutscher Meister im Distanzreiten aus dem bayerischen Erlenbach, früher erlebt, als er noch viel unterwegs war. „Es gab schon Koliken, weil Pferde aus Pfützen auf dem Acker tranken. Da waren wohl Spritzmittel drin“, erinnert er sich. „Meine Pferde tranken bei Ritten nur aus Waldpfützen und hatten nie Probleme.“

Auf unserem Wanderritt durch Botswana waren wir beeindruckt, wie geschickt, manierlich und entschlossen die Pferde (fast ausnahmslos Boerpaards, also Burenpferde) aus den Wasserlöchern tranken. Wasser ist dort eine Seltenheit während der Trockenzeit. Foto: Felsinger

Auf unserem Wanderritt durch Botswana waren wir beeindruckt, wie geschickt, manierlich und entschlossen die Pferde (fast ausnahmslos Boerpaards, also Burenpferde) aus den Wasserlöchern tranken. Wasser ist dort eine Seltenheit während der Trockenzeit. Foto: Felsinger

Umgekehrt stinkt mäkeligen Säufern das Chlor, das Leitungswasser sicher machen soll: Sie verschmähen es, wenn zu viel drin ist. Andere trinken sowieso nur daheim und meiden fremde Wasserquellen unterwegs, was etwa auf schweißtreibenden Wanderritten, Transporten und Turnieren zum Problem wird.

Stefan Zöller besitzt keine solchen Primadonnen. Und zuhause tränkt er mit Regenwasser aus einer Zisterne unterm Stall, das dank Bodenkühlung, Dunkelheit und Schmutzfiltern aus Steinen und Hanf monatelang algenfrei und frisch bleibt. Was eigentlich zum Duschen gedacht war und erst mal nur die Wasserrechnung für den Sommer-Shower senken sollte, fand reißenden Absatz als Durstlöscher. „Meine Pferde ziehen Regenwasser allem anderen vor“, stellte Zöller fest. „Wir lassen das Regenwasser regelmäßig analysieren und haben hervorragende Werte, sogar weniger Nitrat als im Leitungswasser.“

Die Vorliebe der Pferde für Regenwasser und nasse Rüsselspiele zeigt, dass Trinken nicht nur den Durst löscht, sondern auch den Forschergeist kitzelt. So züngeln Fohlen hingebungsvoll mit den Ventilen der Selbsttränken, wenn man sie lässt – und setzen durch die spielend ausgelöste Wasserflut ihren Darm außer Gefecht. Der wehrt sich nämlich mit Durchfall. Für den kleinen, in diesem Alter noch zu 80 Prozent aus Wasser bestehenden Fohlenkörper können solche Wasserspielchen also lebensgefährlich sein.

Wie schnell junge Pferde lernen, das Wasser zu schlürfen, zeigen Dokumentationen verschiedener Forscher:

Erst beißen Fohlen ins Wasser, lecken und knabbern an der Oberfläche. Nach wenigen Versuchen saufen sie wie die Alten

Pferde nuckeln ziemlich schnell aus Plastikschläuchen und Duschköpfen, rollen zum Zeitvertreib Äpfel durch den Wasserbottich, prusten halb neugierig, halb alarmiert auf den glitzernden Wasserspiegel – um sich dann tierisch zu erschrecken, wenn der sich bewegt.

Ihr nassforsches Entdeckertum hält die Tiere in Bewegung, was sich beim abwechslunsgreichen Einrichten von Ställen und Weiden nutzen lässt. Abgesehen davon, dass Tränken möglichst an einem schattigen, windigen Platz abseits der Kotplätze stehen sollten – denn dann gibt es keine Probleme mit Pferdeäpfeln und Fliegen im Drink – beeinflusst die Pool-Position nämlich die Kilometerzahl, die Pferde auf der Suche nach Wasser zurücklegen.

Stallplaner profitieren dabei von den Beobachtungen der Wildpferde-Forscher, die Wasserlöcher als soziale Zentren urtümlichen Pferdelebens entdeckten – vergleichbar dem Dorfbrunnen, um das sich menschliches Leben vor Erfindung der Wasserleitung scharte.

Bis zu 30 Kilometer entfernen sich Wildpferde beim Grasen vom Wasser

Mit der Entfernung und Platzierung von Wasser und Futter kann man Stallpferde also raffiniert dazu bringen, sich mehr zu bewegen und dabei die Ruhezonen zu meiden. „Tränken daher am besten weit weg vom Futterplatz installieren, auf keinen Fall im Stall“, rät Thorsten Hinrichs, Inhaber der Aktivstall-Firma HIT und einer der dienstältesten deutschen Laufstallplaner. „Der Stall ist Ruheraum. Fressen und Saufen stören dort nur, weil Pferde bei diesen Aktivitäten mehr Platz um sich herum brauchen.“

Für jeden Stall, egal ob Laufstall oder Paddockboxen, gilt dabei dasselbe Prinzip: „Wenn die Pferde draußen saufen, kommen sie automatisch an die frische Luft und müssen laufen. Außerdem verdreckt die Tränke nicht so leicht durch Futterreste oder Kot“, sagt Hinrichs. „Aber machen Sie das mal einem Boxenstallbesitzer klar. Da heißt es dann: ‚Wenn wir bei Kälte die Türen zumachen, hat das Pferd ja kein Wasser.“ Hinrichs Gegenargument: „Schlechtes Wetter ist kein Grund, um Türen zu schließen.

Wie weit Pferde zum Wasser wandern sollen, hängt vom jeweiligen Stall- und Weidekonzept ab. „Zwischen 40 und 100 Meter sind ideal“, findet Hinrichs, „in Ausnahmefällen geht das auch mal hoch bis 1000 Meter.“ Müssen Pferde meilenweit gehen, überwiegen die Nachteile. „Dann saufen Pferde seltener, nicht mehr 20 Mal, sondern vielleicht nur noch drei- oder viermal am Tag.“ Pferde sind schließlich clevere Energiesparer.

Die Pferde meiner Freundin Silke stehen auf Tag-und-Nacht-Koppeln. Zinkwannen, die täglich frisch gefüllt werden, finden sie klasse zum Nase tauchen. Foto: Felsinger

Die Pferde meiner Freundin Silke stehen auf Tag-und-Nacht-Koppeln. Zinkwannen, die täglich frisch gefüllt werden, finden sie klasse zum Nase tauchen. Foto: Felsinger

„Die Häufigkeit des Saufens bestimmt den Radius der Herde. Das heißt, je öfter Pferde saufen, desto enger leben sie am Wasserloch“, bestätigt Dr. Klaus Scheibe, ehemaliger Leiter des Berliner Instituts für Zoo- und Wildtierforschung. Er studierte bei einer Herde freilebender Przewalski-Pferde in der Schorfheide bei Berlin, dass es Wasserführer gibt, die auch die Herdenkollegen zum Saufen animieren.

„Die Säufer nehmen ein anderes Pferd zum Wasser mit, gehen wieder zurück, holen das nächste. So pendeln sie, bis alle ihren Durst gestillt haben“

Weil solche Märsche Zeit und Kraft kosten, können sich Wildpferde den Luxus nicht leisten, wie ein gelangweiltes Boxenpferd alle Naslang zur Tränke zu schlurfen – zumal in freier Wildbahn womöglich ein Feind am Wasser lauert. Höchstens zweimal am Tag, manchmal sogar nur alle zwei Tage machen sich die Przewalskis in der Schorfheide deshalb auf den riskanten Weg zum Wasserloch; laut Messungen reichen den Asketen unter ihnen 2,5 bis 5 Liter Wassser täglich.

Auf der Ostsee-Insel Oie vor Greifswald wühlen halbwilde Shettys in Brackwasser. Auch Ponyherden auf den kanadischen Sable Islands stillen so ihren Durst. Die vermutlich zähesten Wassersparer der Welt sind aber im Südwesten Afriks zuhause – zierliche und zähe Nachfahren verwilderter Hauspferde, die in der Namib-Wüste leben. Solange der dürre Wüstenboden noch Grashalme hergibt.

Namib-Pferde können in der Wüste vier Tage ohne Wasser auskommen

„Das ist einzigartig auf der Welt“, so Futterspezialist Dr. Frans van der Merwe, der die Namib-Pferde fast 40 Jahre lang studierte.

Haben solche Wassersparwunder eine Art eingebaute Eco-Taste? Biologen fanden spezielle Mechanismen bei Wüstenspringmäusen, und auch Merwe fand Anzeichen dafür, dass Namib-Pferde ihren Urin aktiv stärker konzentrieren können, um weniger Wasser zu verlieren. Bei den Przewalski-Pferden, die Klaus Scheibe unter seiner Obhut hatte, gab es keine solchen Anzeichen: „Wir haben den Salzgehalt im Blut gemessen, da war alles im Normbereich.“

Geradezu unglaublich dünkt die Mär, südfranzösische Camargue-Pferde hätten spezielle Techniken entwickelt, um unter Wasser zu grasen ohne sich zu verschlucken. „Anatomisch sehe ich nicht, wie ein Pferd dies tun könnte“ widerspricht der britische Tierarzt und Pferdemaul-Spezialist Professor Robert Cook und fordert den Videobeweis. Verblüffende Wassertechniken sah Cook nicht beim Trinken und Fressen, sondern vielmehr beim Schwimmen: „Dabei schaffen es Pferde tatsächlich, ihre Nüstern wasserdicht zu versiegeln.“

Wenn sie nicht gerade baden gehen, sind Pferde offen für alles Flüssige. Sie trinken nach Lehrbuch-Durchschnitt immerhin 5,5 Liter Wasser pro 100 Kilo Körpergewicht, wobei zig Faktoren wie Rasse, Typ, Wetter, Leistung, Futter, Geschlecht oder Gewicht den Durst der Pferde beeinflussen. Pferde auf der Weide trinken zum Beispiel bei knackiger Kälte nur einmal in acht Stunden, bei mehr als 30 Grad Hitze dagegen 1,8 Mal pro Stunde.

Der Wasserbedarf sinkt, wenn Pferde taunasses Gras fressen. Und steigt bei staubtrockenem Futter, wobei Heu und Getreide unterschiedlichen Durst verursachen: 1

1 Kilo Heu spülen Pferde mit 3,2 Litern Wasser hinunter, 1 Kilo Kraftfutter mit nur 2 Litern

Langstängeliges Heu macht durstiger als klein gehäckselte Cobs und ist gesünder, weil es Pferde animiert, 27 Prozent mehr zu trinken.

Weil Heu außerdem Wasser bindet – im Darm haben 100 Liter Platz, mehr als in einer Badewanne – schätzen vor allem Distanzreiter diesen natürlichen Wasserspeicher der Pferde. „Getreidegefütterte Pferde haben 50 Prozent Wasser im Darm, heugefütterte 78 Prozent“, fand der legendäre Futter-Professor Helmut Meyer, der 2007 starb, heraus.

Heu und Stroh ersetzen außerdem Natrium- und Kaliumsalze, die mit dem Schweiß verloren gehen. Gerade Distanz- oder auch Vielseitigkeitspferde schöpfen bei der Arbeit aus dem Vollen ihres nassen Vorrats. „Auf einem Fünf-Stunden-Ritt schwitzt ein Pferd 30 bis 40 Liter aus“, rechnet Dr. Juliette Mallison vor, die als Tierärztin Distanzritte betreut.

Hohen Wasserschwund und entsprechenden Nachfüllbedarf haben außerdem Fohlenmütter. Eine 500-Kilo-Stute mit Fohlen bei Fuß verliert täglich mindestens zehn Liter Wasser über ihre Milch. Auch rossige Stuten, Hengste stoffwechselgestörte Cushing-Pferde oder Durchfall-Patienten scheiden viel Flüssigkeit aus – und müssen entsprechen nachtanken.

Je mehr ein Pferd pinkelt oder schwitzt, desto mehr muss es trinken. Das ist eine Binse, aber die einfachste Regel, die kein Futterexperte mit einer ausgeklügelteren Empfehlungen toppen könnte. Denn alle Versuche, den Wasserbedarf eines Pferdes litergenau zu berechnen, scheitern an den vielen unwägbaren Einflüssen – ähnlich dem Benzinverbrauch eines Autos, der je nach Gasfuß, Motorzustand, Reifendruck, Straßenbeschaffenheit und anderen Faktoren schwankt.

Es gab schon Pferde, die zischten täglich 120 Liter weg – ohne dass sie einen besonders aufregenden Lifestyle pflegten oder krank waren. Umgekehrt muss man sich als Pferdehalter auch nicht sofort Sorgen machen, wenn ein paddeliges Weidepferd mal einen Wasserbottich umkippt und die Herde zwei Stunden ohne Wasser ist. Und es auch zumutbar, dass ein Pferd fünf Stunden Hänger fährt, ohne zu trinken – erfahrungsgemäß rühren viele Pferde während des Transports ohnehin keinen Tropfen an.

„Wasser muss Pferden grundsätzlich – unabhängig vom Haltungssystem – ständig zur Verfügung stehen. Falls dies in Ausnahmefällen nicht möglich ist, muss Wasser mehrmals am Tag, aber mindestens dreimal täglich bis zur Sättigung verabreicht werden. Dies gilt auch für die kalte Jahreszeit. Schnee ist kein Ersatz für eine ausreichende Tränke. Die Ausführungen zur gesundheitlichen Unbedenklichkeit des Futters gelten für die Wasserqualität entsprechend. Tränkevorrichtungen müssen sauber sein und täglich auf Verschmutzung überprüft werden. Selbsttränken erfordern darüber hinaus zusätzlich eine tägliche Kontrolle der Funktionsfähigkeit.“

Das schreiben die deutschen Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutz-Gesichtspunkten vor. Auf der sicheren Seite sind wir deshalb, wenn wir Pferden rund um die Uhr freien Zugang zur Tränke ermöglichen – und in Gruppenhaltung gewährleisten, dass auch rangniedrige Pferde genügend Zugang zum Wasser haben.

Mit diesem Wasserwagen transportiert Silke das Wasser zur Weide. Dort füllt sie es über Schläuche in Zink- oder Kunststoffwannen um, die sie jeden Tag reinigt. Foto: Felsinger

Mit diesem Wasserwagen transportiert Silke das Wasser zur Weide. Dort füllt sie es über Schläuche in Zink- oder Kunststoffwannen um, die sie jeden Tag reinigt. Foto: Felsinger

Wann haben Pferde wirklich Durst, und wie erkennen wir das? „Als erstes Warnzeichen der Dehydrierung hören sie auf zu fressen und werden apathisch“, antwortet Tierärztin Dr. Sara Nyman aus dem schwedischen Uppsala. Eingesunkene Augen, harte Pferdeäpfel bis hin zur Verstopfungskolik und schrumplige Haut sind weitere Signale für Dehydratation.

Wassermangel checken wir mit einem einfachen Test: Wir packen eine Hautfalte am Hals. Bei ausreichend mit Wasser versorgten Pferden schnellt diese sofort wieder zurück. Fehlt Wasser, bleibt die Falte eine Weile stehen

Gesteuert wird der Durst über Fühler, die den Salzgehalt im Blutplasma ans Gehirn melden. Der Salzgehalt steigt, wenn das Blut durch Schwitzen dick und konzentriert wird – Signal für das Durst-Zentrum, seinerseits den Befehl zum Trinken zu geben. Dieses so simple wie clevere System läuft allerdings durch starkes Schwitzen aus dem Ruder, weil der Körper dann nicht nur Wasser, sondern auch viel Salz verliert. Der Salzgehalt im Plasma bleibt dann gleich, der Durstreiz fehlt.

Distanzreiter Stefan Zöller kennt dieses Problem. Sein erfolgreichstes Pferd, der Halbblüter Cloud Question Mark, trank auf den ersten 40 Kilometern oft kaum etwas. „Die Tierärzte am Vet Gate guckten immer ganz kritisch. Aber die, die Cloud kannten, wussten: Nach 40 Kilometer säuft er“, erinnert sich Zöller, der in der Rittpause außer den Durst förderndem Heu auch dünnflüssiges Mash fütterte und bei einem Wüstenritt in Qatar notgedrungen auch einmal zum letzten Mittel griff, um seinen Wallach zum Trinken zu zwingen: Er rieb Clouds Zunge mit etwas Salz ein.

Hätte der Wallach nicht getrunken, wäre es disqualifiziert worden. Trinken entscheidet damit ebenso über Erfolg und Wohlbefinden von Pferden wie das richtige Futter, zumal dieses ohne das Grundnahrungsmittel Wasser gar nicht durch den Köper rutschen könnte.

Jedes Futtermolekül, das ein Pferd frisst, wird im Stoffwechsel zu Wasser und Kohlendioxid verbrannt – unter maximaler Energiegewinnung. Wasser löst Futter in seine Bestandteile auf. Wasser transportiert Verdauungsenzyme in Magensaft und Galle. Und es bringt den Blutkreislauf in Gang, der Nährstoffe zu den Zellen schwemmt. Ohne Wasser würden Zellen schrumpeln und Nervensignale verstummen. Denn in allen Geweben des Körpers schwapp eine salzige Flüssigkeit, deren Ionen sich innerhalb und außerhalb von Nervenzellen verteilen, Reize und Befehle im Körper übertragen.

Dabei profitiert der gesamte Organismus vom simplen Prinzip, dass Wasser immer dorthin fließt, wo die Salzkonzentration höher ist. Beispiel Niere: Hier wird das Blut erst in haarfeinen Kapillaren von Schadstoffen rein gewaschen, ehe eine hoch effiziente Wasserrückgewinnung den Urin konzentriert – mit Hilfe Tausender Schleifen, durch deren hauchdünne Wände Wasser zurück ins salzhaltige Gewebe sickert.

Trotz aller Sparmaßnahmen: 80 von 100 getrunkenen Litern Wasser landet wieder im Stroh

Und das, obwohl nicht nur der Urin, sondern auch der Pferdekot konzentriert wird. Im Dünndarm noch eine Suppe voller Enzyme und Nährstoffe, dickt der Enddarm den Futterbrei so stark ein, dass er nur noch 50 (bei Körnerfütterung) bis 75 (bei Grasfütterung) Prozent Feuchtigkeit enthält. Dazu wird der Darminhalt von Muskeln durchgeknetet, während ihm Schleimhautzellen Flüssigkeit entziehen und ins Blut leiten.

Klappt diese Rückresorption nicht, bekommt das Pferd Durchfall. Dann fallen nicht wohlgeformte Äpfel, dann pläddert Dung mit 90 Prozent Wasseranteil ins Stroh – ein Riesen-Leck im Körper, das durch darmfreundliches Futter gestopft und durch Trinken aufgefüllt werden muss., damit der Körper funktionstüchtig bleibt. Auch Elektrolyt-Zusätze können jetzt sinnvoll sein, um die Speicher im Körper wieder aufzufüllen.

Nicht umsonst warnen Tierärzte davor, Pferden bei Durchfall die Tränke abzustellen: Der Irrglaube, dadurch würde der Brei schneller wieder zu Äpfeln, hinterlässt im Patienten eine lebensgefährliche Dürre.

Sinkt sein Wassergehalt von normalen 65 dann auf 10 Prozent, ist Schluss mit durstig. Dann sitzt das Pferd fatal auf dem Trockenen – und wäre ohne Hilfe, so mutmaßen Forscher, spätestens nach einer Woche tot.

Reminder: Das sagen die Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten

„Wasser muss Pferden grundsätzlich – unabhängig vom Haltungssystem – ständig zur Verfügung stehen. Falls dies in Ausnahmefällen nicht möglich ist, muss Wasser mehrmals am Tag, aber mindestens dreimal täglich bis zur Sättigung verabreicht werden. Dies gilt auch für die kalte Jahreszeit. Schnee ist kein Ersatz für eine ausreichende Tränke. Die Ausführungen zur gesundheitlichen Unbedenklichkeit des Futters gelten für die Wasserqualität entsprechend. Tränkevorrichtungen müssen sauber sein und täglich auf Verschmutzung überprüft werden. Selbsttränken erfordern darüber hinaus zusätzlich eine tägliche Kontrolle der Funktionsfähigkeit.“

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