Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

Warum Kauen Pferde glücklich macht

Die beste Kur für Gemüt und Gesundheit!

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Auch beim Grasen ist der Kaumechanismus ständig aktiv. Auch beim Grasen ist der Kaumechanismus ständig aktiv. Foto: FREUNDPFERD

Fressen füllt den Bauch und den Tag, beschäftigt Darm und Kopf. Futter schützt das Pferd und seine lebenswichtigen Darmbakterien vor Hunger und Langeweile. Wirklich glücklich aber macht das Kauen!

Was Fressen für die Psyche der Pferde bedeutet, ist in der Forschung eine Zeitlang eher stiefmütterlich behandelt worden und auch nicht einfach zu untersuchen. Viel Energie wurde erst einmal in Studien gesteckt, die sich mit den Auswirkungen von Pferdefutter auf sportliche Leistung beschäftigen oder die den Fokus auf die physiologischen Vorgänge in Darm und Verdauung beschäftigen. Das ist auch gut so, denn Katastrophen wie Kolik und Hufrehe oder Stoffwechselkrankheiten wie EMS, Cushing und Insulinresistenz hängen entscheidend mit der Fütterung zusammen. Und ohne Forschung kommt kein Licht ins Dunkel des 30 Meter langen Pferdedarms und in die schummrigen Wege des Stoffwechsels, der verzweigter ist als das riesigste U-Bahn-Netz.

Seit einigen Jahren schauen Wissenschaftler auch darauf, welche Auswirkungen die Fütterung auf die psychische Gesundheit der Pferde hat. Eine spannende Rolle spielt dabei das Kauen, das als Anti-Stress-Programm (beim Fressen und im Training) fürs Gehirn und fürs Gemüt genauso wichtig ist wie als Schredder-und-Speichel-Programm für eine optimale Vorbereitung auf die Verdauung weiter hinten im Pferd.

In der Natur machen Pferde keine Fresspausen, die länger als drei bis vier Stunden dauern. Sie sind in freier Wildbahn 12 bis 16 Stunden damit beschäftigt, mit den Schneidezähnen hartes Steppengras zu rupfen und zwischen den unteren und oberen Backenzähnen zu zermahlen. Natürlicherweise tun Pferde also den lieben halben Tag lang nichts anderes als kauen. Beim Fressen von Steppengras ist das besonders wichtig, denn es ist energiearm. Um mit so kargem Gras ihren Hunger zu stillen, müssen Pferde ganz schön was weg kauen. Sie machen dazu einen Kauschlag nach dem anderen, bewegen den Unterkiefer fast nonstop in Schleifenbewegungen gegen den Oberkiefer.

60.000 Kauschläge pro Tag brauchen Steppenpferde, die von Halm zu Halm wandern, zum Sattwerden

Das galt nicht nur für die Vorfahren unserer heutigen Sport- und Freizeitpferde; es gilt auch für wildlebende Pferde, die es noch in einigen Teilen der Erde gibt; von der Mongolei bis nach Afrika, Amerika und Australien.

Dieses Kauen ist Pferden seit jeher ins genetische Programm geschrieben. Kauschläge dienen dem mechanischen Aufreißen der Halme und sorgen dafür, dass die Ohrspeicheldrüse ins Maul ausgequetscht wird. Kauen löst über eine Rückmeldung ans Gehirn außerdem das Sättigungsgefühl aus, das wir Menschen vor allem durch Blutzuckerspiegel, Magendehnungsreize und Botenstoffe spüren – wobei es auch beim Menschen Anzeichen dafür gibt, dass wir schneller satt sind, wenn wir unser Essen gründlicher kauen.

Forscher haben entdeckt, dass Pferde nach etwa 35.000 Kauschlägen satt sind. Und sie haben gemessen, dass Pferde 3.500 Kauschläge und 40 bis 50 Minuten brauchen, um 1 Kilo Heu zu fressen. Das bedeutet: Ein Pferd müsste 10 Kilo lose auf dem Boden ausgelegtes Heu fressen, damit sein genetisch programmiertes, natürliches Kaubedürfnis befriedigt ist. Das Wort Bedürfnis signalisiert schon: Kauen ist für Pferde nicht nur ein mechanisches Werkzeug. Kauen ist speziell für unsere ansonsten eher unterbeschäftigten Pferde von heute auch Unterhaltung im täglichen Einerlei und dient dem Stressabbau.

Das Körnerfutter, das per Schippe in der Krippe landet, kann fürs Gemüt nicht viel Gutes tun. Denn in Sachen Kauen verhält sich Kraftfutter gegenüber Raufutter wie ein Haferkorn im Heuhaufen:

1 Kilo Hafer verputzt das Pferd mit 800 Kauschlägen in 10 Minuten

Diese Wahrheiten übers Kauen bringen unsere heutigen Pferde ebenso in Schwierigkeiten wie fütternde Reiter und Stallbesitzer: Die natürlichen Kau- und Fressbedürfnisse sind eigentlich nur dann zu befriedigen, wenn das Pferd möglichst oft Zugang zum kau-intensiven Raufutter hat, also zu Heu und Stroh. Noch vor 20 Jahren war es aber vielerorts üblich, nur zwei Mal am Tag zu füttern. Zwischendurch konnte das Pferd maximal am Stroh knabbern, wenn es Glück hatte und genügend sauberes Stroh eingestreut bekam. Es soll Ställe geben, die heute immer noch so füttern – um Heu zu sparen oder damit die Pferde nicht fett werden. Wie aber soll das Pferd auf seine notwendigen Kauschläge kommen, wenn es nur zwei Mal am Tag gefüttert wird?

Stroh müssen Pferde besonders gut kauen und einspeicheln, weil es sehr viel Lignin enthält.

Stroh müssen Pferde besonders gut kauen und einspeicheln, weil es sehr viel Lignin enthält. Foto: FREUNDPFERD

Nächste rhetorische Frage: Wie ergeht es dem Pferd, das im heimischen Stall zwar 60.000 Kauschläge machen darf? Es platzt vor Glück, was leider wörtlich zu nehmen ist. Denn beim modernen Heu und Gras handelt es sich nicht um karge Steppenhalme, sondern um Kalorienbomben, die in rauen Mengen den Stoffwechsel aus der Balance bringen und zu Übergewicht führen. Auch hier stehen Forscher und Fütterungspraktiker vor einer großen Herausforderung. Sie tüfteln an Fütterungstechniken und Hilfsmitteln, die eins der brennendsten Praxis-Probleme der Pferdefütterung lösen sollen:

Wie können Pferde länger kauen und zufrieden leben, ohne zu viel Energie aufzunehmen?

Die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft um das Pferd (GWP)“ informiert über den Stand der Forschung und bietet Unterstützung durch zwei der besten Expertinnen auf dem Gebiet Fütterung und Verhalten: Professor Ellen Kienzle, Inhaberin des Lehrstuhls für Tierernährung & Diätetik an der LMU München und Verhaltensforscherin Professor Margit Zeitler-Feicht von der TU München-Weihenstephan teilen ihr Wissen über:

„Spannungsfeld Verhalten und Fütterung: Kann man alles für alle Pferde richtig machen?“
Mit Besprechung der Fütterungstechnik: Pro & Contra Fressbremsen / Heunetze / Sparraufen, Abrufautomaten, zeitgesteuerte Rollraufen
Wann: Dienstag, 11.7.2017, 18.30 Uhr
Wo: Lehrstuhl für Tierernährung & Diätetik der LMU München, Kursraum im EG rechts, Schönleutnerstr. 8, 85764 Oberschleißheim.
Anmeldung zum Vortrag nicht erforderlich.
Studenten und Mitglieder der GWP kostenlos, Mitarbeiter der LMU 5 €, Nicht-Mitglieder 15 €
Kontakt: Tel. 089/2180 78709
Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft um das Pferd e.V.
info@pferd-forschung.de; www.pferd-forschung.de

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