Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

Hafer, Gerste, Mais, Dinkel: Was ist das beste Kraftfutter?

Die 5 wichtigsten Fakten zum Pferde-Kraftfutter: von Muskelaufbau bis Quetschen ja oder nein

0

Die sechsjährige Tayia hat Probleme, hartes Kraftfutter zu kauen. Rat der Expertin: Mineralstoffe für die Zahnsubstanz plus Heu plus speziell aufgeschlossenes Kraftfutter. Foto: Pixxelino Die sechsjährige Tayia hat Probleme, hartes Kraftfutter zu kauen. Rat der Expertin: Mineralstoffe für die Zahnsubstanz plus Heu plus speziell aufgeschlossenes Kraftfutter. Foto: Pixxelino

Pferdebesitzerin Vanessa Walch hat FREUNDPFERD eine Mail geschickt, weil ihre Stute Tayia ein Problem beim Kauen und Verdauen von Hafer hat: „Schreibt doch mal darüber, welches Kraftfutter für Pferde am besten ist.“ Gerne, denn das ist ein gefundenes Fressen für Tierärztin und Futterexpertin Dr. Kathrin Irgang, die sich auf Ernährungsberatung bei Pferden spezialisiert hat!

Und so beschreibt Vanessa das Problem von Tayia: „Meine sechsjährige Stute wurde im Februar an einem Zahn operiert, und bei ihr wurde generell eine schlechte Zahnsubstanz diagnostiziert. Aus diesem Grund wurde mir abgeraten, hartes Futter zu füttern wie Pellets oder harte Körner, etwa ganzer Hafer. Ich halte Hafer aber für eines des besten Futtermittel, die man einem Pferd geben kann. Eigentlich tendiere ich dazu, ihr gequetschten Hafer zu füttern, jedoch kann ich ihn nicht frisch quetschen, und die Lagerzeit des gequetschten Hafers ist ja recht kurz. Zu den Alternativen Gerste, Mais etc. gibt es so viele Meinungen, dass man hier vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen kann.“

5 Fragen zum Kraftfutter und Antworten von Futterexpertin Dr. Kathrin Irgang

Tierärztin Dr. Kathrin Irgang aus Berlin ist auf die Ernährungsberatung bei Pferden spezialisiert. Foto-Copyright: Irgang

Tierärztin Dr. Kathrin Irgang aus Berlin ist auf die Ernährungsberatung bei Pferden spezialisiert. Foto-Copyright: Irgang

FREUNDPFERD: Hafer kontra Gerste, Mais, Dinkel: Sind die Mode-Getreide womöglich besser als der gute alte Hafer?

Dr. Kathrin Irgang: Das kommt darauf an, was man erreichen will. Eigentlich ist Hafer für Pferde das Kraftfutter der Wahl, wobei es auch Fälle gibt, in denen Mais oder Gerste vorzuziehen sind. Grundsätzlich möchte man mit Kraftfutter ja vor allem eins: Energie ins Pferd bringen. Schauen wir uns also zunächst die fürs Pferd umsetzbare Energie (ME) an, die seit 2010 als Maßstab für die Bewertung der einzelnen Kraftfutter dient: Mais liefert 12,8 Megajoule Energie pro Kilogramm Trockenmasse, Gerste 11,9 MJ, Hafer 10,5 MJ und Dinkel 9,7 MJ. 1000 Gramm Hafer entsprechen energetisch 900 Gramm Gerste oder 800 Gramm Mais. Die Futterration wird daher energiedichter, je mehr Gerste und Mais sie enthält. Somit sind Gerste und Mais die besten Energielieferanten. Aber sie sind sehr hart und geben ihre Energie nicht leicht preis: Pferde können naturbelassene, unbehandelte Gerste und Mais nur schwer zerkleinern und speicheln sie schlechter ein. Die Folgen: Die Stärke aus unbehandelter Gerste und Mais kann im Dünndarm nicht komplett verdaut werden und kann dann im Dickdarm Verdauungsstörungen wie Kolik oder Hufrehe auslösen. Außerdem kann ein Zuviel an Energie und Stärke im Futter generell Stoffwechselkrankheiten wie etwa Insulinresistenz oder auch Übersäuerung auslösen.

Wie müssen die einzelnen Kraftfutter behandelt werden, damit das Pferd sie gut verdauen kann? Quetschen, walzen, brechen, schroten oder flocken?

Man spricht hier von Aufschließen. Die einfachste Form ist das mechanische Aufschließen, also Quetschen oder Walzen. Beim Hafer reicht Quetschen, weil seine Spelzen leicht zu knacken sind. Hafer muss man deshalb wirklich nur quetschen, wenn eine Pferd so schlechte Zähne hat, dass man viele ganze Körner in den Pferdeäpfeln findet. Deshalb ist wichtig: Hinten gucken, was rauskommt, und dann entscheiden, was man vorne füttert. Ich sage immer: Wenn man mit dem Hafer eher die Vögel im Stall füttert als das Pferd, dann sollte man ihn quetschen. Am besten direkt vorm Füttern, in der Praxis ist es üblich und auch ok, dass man alle 2-3 Tage frisch quetscht. Die maximale Haltbarkeit, wenn man gequetschten Hafer abgepackt im Sack kauft, liegt bei zwei Wochen.

Was ich oft in Ställen sehe, ist gebrochener Mais. Das ist nicht ideal. Wenn man Mais füttert, dann eher als Flocken. Das gilt auch für Gerste. Flocken entstehen beim hydrothermischen Behandeln von Getreide. Dabei wird die Stärke im Korn so aufgeschlossen, dass das Pferd diese im Dünndarm leicht verdauen kann; es gelang somit nicht zu viel unverdaute Stärke in den Dickdarm. Die höchste Form des Aufschlusses ist das Extrudieren mittels Dampf und Druck, wodurch Pellets entstehen. Das wird zum Beispiel bei Leinsamen gemacht.

Ganz wichtig: Bitte Pferden niemals geschrotetes Getreide füttern. Es verklumpt im Magen!

Welches Getreide eignen sich für welches Pferd und welchen Zweck?

Eines ist klar: Dass Quarter Horses oder Spanische Pferde unbedingt Mais und Araber unbedingt Gerste fressen müssen, ist ein Mythos: In den Ländern, aus denen diese Pferde stammen, gab es halt keinen Hafer, sondern eher Mais oder Gerste. Ich schaue bei meinen Patienten nicht auf die Rasse, sondern auf den Futterzustand und den Einsatzzweck. Generell kann man sagen: Pferde, die zu dünn sind und zunehmen müssen, sollten Mais fressen; wie beschrieben als Flocken. Für Pferde, die viel arbeiten und entsprechend stark schwitzen, ist Mais hingegen nicht ideal, weil er mehr Fermentationswärme im Dickdarm produziert und Pferde damit noch mehr zum Schwitzen bringt.

Mais oder Gerste sind wegen ihrer hohen Energiedichte immer dann gut, wenn man viel Energie ins Pferd bringen muss, aber trotzdem die Kraftfuttermenge auf ein fürs Pferd gesunde Maß beschränken will. Man kann in solchen Fällen auch 50:50 Hafer und Gerste oder Hafer und Mais füttern. Dinkel ist hier nicht ratsam, denn er hat die niedrigste Energiedichte. Beim Dinkel, den einige Hersteller ihrem Pferdefutter zusetzen, geht es nicht um die Energie, sondern um den Dinkelspelz, der zum Kauen anregen soll.

Mit energiereichem Kraftfutter werden Pferde also runder. Aber mehr Muskeln bekommen sie dadurch nicht. Für den Muskelaufbau braucht es Eiweiß. Das enthalten Gerste, Dinkel und Hafer zwar auch in recht ähnlichen Mengen, aber Muskeln anfüttern klappt damit eher nicht. Da sind Sojaextraktionsschrot oder Bierhefe besser geeignet, oder eben fertige Müsli-Mischungen mit zugesetzten Proteinen und Aminosäuren.

Stichwort Müsli: Sind Pferde damit besser bedient als mit purem Hafer, Gerste oder Mais?

Das ist reine Geschmacksache, und zwar für Reiter und Pferd. Gut am Müsli ist, dass es bereits Mineral- und Vitaminvormischungen enthält, so dass man sich um die Mineralversorgung keine Gedanken mehr machen muss. Und jetzt kommt das Aber: Ein Müsli ist ja auch ein Kraftfutter, das vor allem Energie ins Pferd bringen soll. Ist das Müsli so konzipiert, dass ein Pferd mindestens 3 Kilo pro Tag davon fressen muss, um alle wichtigen Vitamine und Mineralien zu bekommen, wäre es nicht optimal, wenn das Pferd nur 500 Gramm davon frisst. Aber viele Freizeitpferde brauchen eben eher 500 Gramm Kraftfutter als 3 Kilo, weil sie kaum arbeiten und/oder bereits zu dick sind. Hier sollte man also auch das Müsli so wählen, dass gewährleistet ist: Auch bei geringen Futtermengen passt die Versorgung mit Mineralstoffen und Vitaminen.

Kommen wir doch zurück auf das Problem unserer Blog-Leserin mit ihrer sechsjährigen Stute, die wegen ihrer schlechten Zahnsubstanz kein hartes Futter fressen kann. Wie beurteilen Sie das Futter, das die Stute momentan zu fressen bekommt?

Mir fehlt bei der momentanen Ration (24 Stunden Heu ad libitum, gequetschte Gerste, ein getreidefreies Müsli sowie zwei verschiedene Mineralfutter, eines mit Mangan und eines für die Knochen) eine ausgewogene Mineralisierung, die ich eher über ein Komplett-Mineralfutter bekomme. Ich höre oft in der Beratung: „Mein Pferd hat weiche Zähne“. Da braucht es Kalzium und Vitamin D, eingebunden in ein harmonisches Ganzes. Gerade bei heubasierter Fütterung am Ende des Winters passiert es oft, dass die Mineralien nicht mehr reichen. Ideal wäre für die Stute und generell für alle Pferde, eine Heuanalyse durchzuführen und das Mineralfutter passend darauf abzustimmen. Pferde mit weicher Zahnsubstanz wie diese Stute brauchen auf jeden Fall ein aufgeschlossenes Kraftfutter. Da tun sie sich mit Mais- oder Gerstenflocken, hydrothermisch aufgeschlossen, leichter als mit gequetschtem Hafer. Deshalb wäre das meine Empfehlung.

Gilt das auch für alte Pferde mit Zahnproblemen?

Hier muss man differenzieren: Alte Pferd haben oft bereits Zahnlücken. Das heißt, es ist gar nicht mehr so viel Kaufläche da, um die Körner zu knacken. Da nutzt dann auch Quetschen oder Flocken nicht mehr, da muss man das Futter richtig einweichen.

Hier gibt’s mehr Praxis-Tipps und Futter-Wissen 

Hunger oder Hufrehe: Das Schicksal der Cushing-Pferde

Was ist das Equine Cushing Syndrom?

Komplett-Müsli „marstall Freizeit“: mit Getreideflocken für leichtfuttrige Pferde (Info-Link)

Getreide ohne Zusätze: „marstall Naturgold“ für höheren Energiebedarf (Info-Link)

Pferde-Stoffwechsel: Was ihn anregt und stört

Speck weg mit dem Heunetz-Spiel

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*