Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

Von Gehirn bis Leber: So funktioniert der Pferde-Stoffwechsel

Die wichtigsten Organe und Stationen im Pferde-Stoffwechsel

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Hmmm, Heu schmeckt und ist die Grundnahrung. Doch Heu allein reicht Pferden meist nicht, weil es zu wenig lebenswichtige Nähr- und Mineralstoffe enthält. Hmmm, Heu schmeckt und ist die Grundnahrung. Doch Heu allein reicht Pferden meist nicht, weil es zu wenig lebenswichtige Nähr- und Mineralstoffe enthält.

Teil 2 des Stoffwechsel-Specials beschäftigt sich damit, wie die einzelnen Organe des Pferds in ihrer Funktion unterstützt und gestört werden.

Gehirn & Nervensystem

Wie sie funktionieren
Sie steuern den Stoffwechsel rund um die Uhr; funken Nerven- und Hormonsignale an Hirnanhangsdrüse, Körperdrüsen und Organe. Eine wichtige Funktion des vegetativen Nervensystems mit seinen Ausläufern im Darm ist es, den Stoffwechsel auf Verdauung oder Leistung zu programmieren.

Was sie stört
Eine Fehlfunktion der Hirnanhangsdrüse führt in der Nebennierenrinde zur Überproduktion von Kortisol und stört den Stoffwechsel: Es kommt zum Equinen Cushing Syndrom, inzwischen eine der häufigsten Stoffwechselstörungen beim Pferd.

Was ihnen hilft
Glukose entsteht beim Abbau von Stärke) ist Nervennahrung für den Hirnstoffwechsel, der viel Energie verbraucht. Bei Cushing ist Glukose allerdings gefährlich, da sie bei betroffenen Pferden Hufrehe auslösen kann.

Aminosäuren (z.B. Tryptophan, welches u.a. im Heu vorhanden ist) werden zu Botenstoffen (Neurotransmittern) verstoffwechselt, die Nervensignale übertragen.

Medikamente (z.B. Beruhigungsmittel) aktivieren oder drosseln den bei Angst oder Aggression gestörten Stoffwechsel der Neurotransmitter.

Hormone & Drüsen

Wie sie funktionieren
Hormone regulieren den Stoffwechsel. Thyroxin aus der Schilddrüse und Adrenalin aus der Nebenniere fahren ihn hoch. Insulin und Glukagon aus der Bauchspeicheldrüse fördern oder hemmen den Zucker-Abbau. Keimdrüsen (Eierstöcke oder Hoden) stellen Geschlechtshormone (Östrogene, Androgene) her. Östrogen z.B. fördert Wassereinlagerungen im Körper- und Hirngewebe und kann schuld sein, wenn Stuten während der Rosse zickig werden oder angelaufene Beine bekommen.

Was sie stört
Es gibt viele organische oder funktionelle Ursachen, die dazu führen, dass die Hormone und Hormondrüsen nicht mehr richtig arbeiten und zusammenarbeiten. Da in der hormonellen Steuerung kaskadenartig eine Hormondrüse die andere beeinflusst, kann es Fehler auf verschiedenen Ebenen geben. So verursacht ein Fehler in der Insulinproduktion die Zuckerkrankheit Diabetes, und beim Equinen Cushing Syndrom ist der Steuermechanismus zwischen der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse, produziert das Hormon ACTH) und der Nebennierenrinde (wird durch ACTH stimuliert, Kortisol zu bilden) gestört. Das Zuviel an ACTH aus der Hypophyse führt dazu, dass zuviel Kortisol gebildet wird, was die Immunabwehr des Pferds schwächt. Vor allem aber interagiert das Kortisol mit dem Zuckerstoffwechsel (Insulinresistenz), so dass eine ähnliche Störung entsteht wie das Equine Metabolische Syndrom.

Was ihnen hilft
Medikamente, etwa Hormone, die der Tierarzt exakt dosieren muss.

Darm

Wie er funktioniert
Der Darm löst mit Enzymen und Mikroorganismen Nährstoffe aus dem Pferdefutter. Es entstehen aber auch mikrobielle Stoffwechselprodukte, die nicht nur positive Effekte haben, wie z.B. Ammoniak.

Was ihn stört
Bewegungsmangel und übermäßige Strohaufnahme (oft aus der Einstreu, wenn zu wenig Heu gegeben wird) machen den Darm träge. Unverdaute Stärke aus Mais und Gerste sowie der Zucker Fruktan feuern den Darmstoffwechsel zunächst an; die Mikroorganismen vermehren sich rasant. Dabei verändert sich die Darmflora infolge vermehrter Bildung organischer Säuren. Sterben bestimmte Mikroorganismen im Darm, gelangen ihre Zellwandbestandteile ins Blut und lösen Zirkulationsstörungen aus. Im Huf führt das zu Hufrehe.

Was ihm hilft
Ballaststoffe (in Heu, Getreidespelzen, Kleie, Rübenschnitzeln) nähren die Darmbakterien. Das fördert den Stoffwechsel, weil er so schneller Nachschub bekommt. Ebenso wirken Präbiotika (z.B. Milchzucker, nur unter Tierarzt-Aufsicht füttern, da Hufrehe-Gefahr droht).
Probiotika (z.B. Bierhefe, 50 Gramm pro 100 Kilogramm Pferdegewicht) impfen den Darm mit verdauungsfördernden Mikroorganismen.

Blut & Lymphe

Wie sie funktionieren
Blut und Lymphe sind die Transporteure aller Stoffe im Körper. Je besser Durchblutung und Lymphfluss, desto fleißiger der Stoffwechsel.

Was sie stört
Zuwenig Bewegung lässt Blut und Lymphe versacken: Ödeme entstehen. Weil die Beine im Vergleich zum Muskel viel schlechter durchblutet sind, ist der Stoffwechsel dort träger. Deshalb heilen Beinverletzungen beim Pferd grundsätzlich langsamer.

Was ihnen hilft
Bewegung: das Allheilmittel Nr. 1, um Durchblutung und Stoffwechsel anzuregen.

Entzündung: Mit dieser Selbstheilungs-Methode reagiert der Körper auf Krankheitserreger, um Durchblutung und Stoffwechsel zu fördern. Der Tierarzt muss deshalb entscheiden, wann eine Entzündung gebremst werden soll, etwa mit Kortison.

Kalt-Warm-Reize: Eispackungen (20 min.) oder Wassergüsse an den Beinen ziehen die Blutgefäße zusammen. Anschließendes warmes Bandagieren erweitert die Gefäße schlagartig, was wiederum die Durchblutung fördert.

Wärme aus Sonne oder Solarium.

Schwitzen.

Manuelle Lymphdrainage, bei der ein speziell geschulter Therapeut die gestaute Lymphe zum Fließen bringt.

Massage: Damit regen Profis vorübergehen die Durchblutung in den Körperteilen an.

Zellen

Wie sie funktionieren
Zellkraftwerke (Mitochondrien) verbrennen Glukose und Fett. Das liefert Energie für den Transport von Nähr- und Baustoffen durch die Zellwand, für den Auf- und Abbau von Zellen sowie die Zellfunktionen in Organen, Muskeln, Haut und Knochen.

Was sie stört
Der Muskelstoffwechsel wird durch Infektionen, Gift, Überanstrengung oder auch Festliegen gestört, aber auch durch erheblichen Mangel an Selen und Vitamin E. Dabei kann z.B. Kreuzverschlag entstehen. Manchen Pferden fehlt der Mechanismus, der die Zuckerzufuhr in die Muskelzellen steuert: Zuckerverbindungen sammelt sich im Muskel, was bei der erblichen Stoffwechselkrankheit PSSM der Fall ist.

Was ihnen hilft
Bedarfsdeckende Versorgung mit Nährstoffen; vor allem mit Aminosäuren, Mineralien und Vitaminen. Achtung: Überversorgung bringt keinen Zusatznutzen und kann sogar gefährlich sein, z.B. bei Selen. Ob Spezialfutter (z.B. Glukose für den Energiestoffwechsel, Carnitin für den Fettstoffwechsel, Kräuter für den Hautstoffwechsel) dem Stoffwechsel wirklich nutzt, ist nicht schlüssig bewiesen.

Leber

Wie sie funktioniert
Die Leber ist die Stoffwechselzentrale. Sie verwandelt manche Stoffe in wasserlöslichen Abfall. Außerdem produziert die Leber enzymhaltige Galle als Verdauungssaft.

Was sie stört
Die Leber reichert manche Stoffe an, z.B. einige Schwermetalle aber auch Vitamine und Spurenelemente. Die Leber wird durch Gift, z.B. Aflatoxin aus Schimmelpilzen oder auch durch Holzschutzmittel geschädigt. Leberverfettung durch Übergewicht und Bewegungsmangel kann ebenfalls an Leberschäden beteiligt sein.

Was ihr hilft
Kein schimmeliges Futter füttern!

Kräuter und ätherische Öle nicht dauerhaft füttern, sondern über einen bestimmten Zeitraum als unterstützende Kur*.

Höchstens 500 Gramm Fett oder 0,5 Liter Öl pro Tag füttern

Bei starken Leberschäden auf geringe Eiweißzufuhr achten: Das Ammoniak, das beim Eiweißabbau im Darm entsteht, kann von der kranken Leber nicht verstoffwechselt werden und geht als Nervengift ins Blut.

Spezielle Leberschutztherapien sind umstritten. Manche Tierärzte spritzen u.a. Vitamin B, um der Leber zu helfen. Tierheilpraktiker geben bei erhöhten Leberwerten im Blutbild gerne Homöopathika.

Niere

Wie sie funktioniert
Die Niere scheidet wasserlösliche Stoffwechselabfälle aus.

Was sie stört
Verschiedenste Gifte, aber auch Medikamente können Nierenschäden begünstigen.

Was ihr hilft
Kalzium und Phosphor nicht überdosieren (maximal 5-6 Gramm Kalzium pro 100 Kilogramm Pferd).

Kein Vitamin D überfüttern, denn das geht auf die Nieren. Viel Goldhafer im Weidegras kann gefährlich sein: Es enthält einen Vitamin D-Metaboliten.

Kräuter wie Brennessel oder Goldrute steigern die Harnmenge und spülen die Nieren. Beim Pferd ist das selten nötig, und es hat mit Stoffwechselanregung auch nichts zu tun. Beim Menschen kennt man Heilpflanzen, die den Stoffwechsel anregen, etwa Ginseng. Aber wie diese im Pferd wirken, ist noch nicht bekannt. Man sollte beim Einsatz von Kräutern nie vergessen, dass die Mikroorganismen deren Wirkstoffe im Darm „umarbeiten“ können. Dadurch können sich die Wirkung und die Giftigkeit erheblich verändern.

Stoffwechsel-Wissen und Praxis-Tipps

Stoffwechsel-Special, Teil 1: Geheimnis Stoffwechsel. Was ihn nachhaltig anregt

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Equines Cushing Syndrom: Ursache, Symptome, Therapie

* werbender Link

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