Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

Studie beweist: So schonen wir den Pferderücken

Jetzt gibt es die Übungen aus der Trainingsforschung auf Video!

0

Alexandra Hampson erforscht in Kanada die Fitness von Reiter und Pferd. Alexandra Hampson erforscht die Fitness von Reiter und Pferd. Foto-Copyright: Hampson

Mit einem speziellen 8-wöchigen Training verteilt sich unser Reitergewicht viel gleichmäßiger auf dem Pferderücken. Das hat Trainingsforscherin Alexandra Hampson nachgewiesen. Jetzt ist ihre Video-Anleitung fertig. Gut fürs Pferd, zum Nachmachen empfohlen und gar nicht schwierig! 

Reiter haben entscheidenden Einfluss darauf, ob ein Pferd Rückenschmerzen bekommt oder gesund bleibt. Besonders die unterschiedliche Gewichtsverteilung im Sattel kann Schaden anrichten, weil sie das Pferd ungleich belastet.

Die Kanadierin Alexandra Hampson untersuchte diese Unterschiede bei der Verteilung des Reitergewichts.

Sie fand heraus, dass der Reiter deutlich symmetrischer und balancierter aufs Pferd einwirkt, wenn er ein speziell für Reiter entwickeltes Fitnessprogramm absolviert (8 Wochen lang, 3 Mal pro Woche jeweils 20 Minuten)

Getestet hat Alexandra dies mit zehn Dressurpferden und ihren Reitern. Alle wurden vor und nach dem Fitnessprogramm mit Hilfe einer Satteldruckmessung beim Aussitzen im Trab getestet. Für viele Reiter ist dies bekanntlich der härteste Test, doch im Versuch zeigte sich: Nachdem die Reiter acht Wochen in ihre Fitness investiert hatten, reiten sie nun deutlich symmetrischer.

Das Reitergewicht verteilt sich besser links und rechts, was sich direkt an der im Vorher-Nachher-Versuch gemessenen Trittlänge ablesen lässt: Sie verbesserte sich um 8,4 Prozent, weil das Pferd sich unter einem fitten Reiter freier bewegen kann.

Mehr noch: Das Pferd fühlt sich wohler und bleibt durch die gleichmäßige Belastung natürlich auch länger gesund

Ende 2015 habe ich kurz hier im Blog über die Studie berichtet, und damals habt ihr, liebe Blog-Freunde, den kleinen Artikel schon nach wenigen Tagen fast 600 Mal geteilt. Und es kamen etliche Anfragen: Wo kann man dieses Trainingsprogramm bekommen?

Nun: Ich habe diese Frage an Alexandra Hampson weitergegeben, und sie erzählte, dass sie gerade ein Anleitungs-Video dazu vorbereitet, in dem sie die Übungen genau zeigt und erklärt.

Jetzt ist das Video fertig, und ich kann es euch wirklich empfehlen, denn die einzelnen Übungen sind so einfach nachzumachen, dass wir sie unseren Pferden zuliebe acht Wochen lang je dreimal pro Woche machen sollten. Man braucht lediglich das Video (hier geht’s zum Download), eine weiche Matte und 20 Minuten Zeit.

Natürlich war ich auch neugierig auf die Forscherin, die hinter der Studie steht: Was hat Alexandra dazu motiviert, sich mit dem Thema Gewichtsverteilung beim Reiten zu beschäftigen, und was rät sie uns Reitern? Das habe ich sie im Interview gefragt.

FREUNDPFERD: Wie kamst du dazu, dich mit der Balance des Reiters und der Gewichtsbelastung des Pferderückens zu beschäftigen?
Alexandra Hampson:
Ich machte gerade meinen Master in Pferdewissenschaften und hatte großes Interesse an Rückenproblemen bei Pferden und an der Fitness von Reitern. Ich suchte nach einem innovativen  Weg, diese beiden Interessen zu verbinden und dabei moderne Techniken anzuwenden. Mein Ziel war es, etwas Praktisches zu machen, das Pferden und Reitern nutzt.

Warum ist es wichtig, dass Reiter sich um ihre eigene Fitness kümmern?
Reiten ist ein einzigartiger Sport: Er lebt davon, dass zwei Athleten verschiedener Spezies synchron miteinander sind. Wenn einer der Athleten topfit ist und der andere nicht, können sie als Paar nicht ihr Bestes geben. Ein Reiter, der Balanceprobleme und zu wenig Kraft hat, macht seinen Pferd das Leben schwer. In meiner Studie saßen alle getesteten Reiter schief und belasteten eine Seite stärker, was unbequeme, hohe Druckspitzen auf den Pferderücken erzeugte. Nachdem sie das Fitnessprogramm absolviert hatten, saßen sie deutlich symmetrischer!

Wie viele Reiter sind tatsächlich topfit nach deiner Beobachtung?
Allmählich bekommt das Thema Fitness mehr Aufmerksamkeit. Trotzdem finden es sehr viele Reiter nicht nötig, sich gezielt fit zu halten. Die meisten Spitzenreiter trainieren zwar auch ohne Pferd am Boden, aber nicht alle, und oft machen sie kein reitsportspezifisches Training. Neue Studien zeigen, dass die meisten Reiter Asymmetrien haben, bestimmte Schwächen oder Dysbalancen haben. Die negativen Folgen fürs Pferd, wenn wir schief sitzen, schwache Muskeln haben oder dauernd außer Atem sind, merken wir selbst oft gar nicht. All das bringt Verspannung. Und über kurz oder lang verursacht ungleiche Druckverteilung Gesundheitsprobleme beim Pferd, etwa Gewebeschäden oder chronische Rückenschmerzen.

Gibt es Unterschiede zwischen Reitern verschiedener Disziplinen und Nationen?
Jede Reit-Disziplin erfordert andere körperliche Voraussetzungen, aber für alle ist eins wichtig: ein guter Sitz auf Basis einer korrekten Position und guter Mobilität im unteren Rücken, im Becken und in der Hüfte. Alle Reiter brauchen Balance, neuromuskuläre Kontrolle,  Rumpfstabilität und -flexibilität. Und natürlich eine stabile, ausgeglichene Sitzposition im Sattel, aus der sie dem Pferd korrekte, klare Hilfen geben können. Erfolgreiche Reiter haben alle möglichen Figuren und Größen, und in einigen Länger ist die Reitkultur ausgeprägter als in andere. Aber weltweit sickert es inzwischen durch, dass Reiter ein Training am Boden brauchen, das auf den Reitsport zugeschnitten ist. Das ist essenziell für das Pferdewohl und für die bessere Leistung von Pferd und Reiter.

Wo haben wir Reiter körperlich die größten Probleme?
Die Forschung zeigt, dass Reiter allgemein zu bestimmten Muskelschwächen und Dysbalancen neigen. Es gibt eine Tendenz zur eingeschränkten Mobilität der rechten Hüfte und zur übermäßigen Rotation der rechten Schulter. Für gewöhnlich haben Reiter schwache Gluteus-, also Gesäßmuskeln und verkürzte Hüftbeuger. Viele sind verspannt, weil sie beim Reiten ihren Atem anhalten. Und eine Menge Reiter leiden an Rückenschmerzen im Lendenbereich, oft eine Folge schwacher Rumpfmuskeln.

Die Gewichtsverteilung im Sattel wurde per Satteldruckmessung überprüft. Die Reiter trugen dafür einen Datenlogger, der mit der Messmatte verkabelt war. Foto-Copyright: Hampson

Die Gewichtsverteilung im Sattel wurde per Satteldruckmessung überprüft. Die Reiter trugen dafür einen Datenlogger, der mit der Messmatte verkabelt war. Foto-Copyright: Hampson

Was genau zeichnet denn einen fitten Reiter aus?
Gute Frage! Es kommt jedenfalls nicht darauf an, wie dick man sich fühlt! Vielmehr geht es darum, sich gesund und wohl zu fühlen, und dazu gehört ein guter Mix aus fittem Herz-Kreislauf-System, Geschmeidigkeit, Kraft, Muskelausdauer und allgemeinen sportlichen Fertigkeiten. Reiter brauchen nicht nur eine gute Fitnessgrundlage, sondern auch reitspezifische Fitness, die Haltung, Balance und Kontrolle von Gleichgewicht und Drehung einschließt. Vielseitigkeitsreiter stellt das vor die größte Herausforderung, weil sie fit für verschiedene Anforderungen sein müssen. In der Dressur ist die Anforderung im ausgesessenen Trab am höchsten, und dieser wird weitgehend von der Fitness des Rumpfs bestimmt.

Darum ging es ja auch in deiner neuesten Studie: um das Aussitzen im Trab, das sich durch dein spezielles Fitnessprogramm deutlich verbesserte. Was genau mussten die Test-Reiter da tun?
Die Reiter absolvierten ein 20-minütiges Rumpf-Fitness-Training. Es schließt ein kurzes Warm-Up ein, die Stärkung der Rumpfmuskulatur, stabilisierende Übungen und Dehnungen.

Und wärest du überrascht von den Ergebnissen?
Die Resultate waren so, wie ich es erwartet hatte. Aber es war interessant zu sehen, dass alle Reiter im Test vorher deutlich schief saßen. Interessant ar auch, dass einige Reiter merkten, wie das Training ihre Rückenschmerzen reduzierte.

Kann jeder Reiter dieses Training einfach nachmachen?
Ja, absolut. Das Programm habe ich für Reiter auf jedem Niveau und in jedem Alter entwickelt. Eine spezielle Ausrüstung dafür ist nicht nötig. Es dauert zunächst 8 Wochen, wobei man 3 Mal pro Woche trainieren sollte. Danach kann man weitermachen und auch variieren. Man folgt einfach den Anleitungen im Video, wobei es hilfreich ist, einen Spiegel zu haben oder eine erfahrene Person, die die Technik korrigieren hilft falls nötig. Das ganze 20-minütige Programm gibt es jetzt als Video-Download hier.

Was würdest du einem Reiter generell empfehlen, um sich seinem Pferd zuliebe fit zu halten? Nehmen wir einfach mal mich: Frau, 50 Jahre alt, durchschnittlich fit und Hobbyreiterin ohne sportliche Ambitionen.
Egal ob Wochenendreiter oder Profi: Jeder Reiter profitiert von einem Fitnessprogramm ohne Pferd. Das Programm, das ich entwickelt habe, aber auch Pilates- oder Barre-Training zwei- bis dreimal pro Woche ist ideal, um damit anzufangen. Dazu ein bisschen Walking, Jogging, Radfahren, Schwimmen oder Skilaufen, um Herz und Kreislauf anzukurbeln und sein Gewicht im Rahmen zu halten. Das nutzt dir und deinem Pferd. Was ich Reitern auch sehr ans Herz lege, ist aktives Sitzen. Statt auf einem normalen Büro-Stuhl zu sitzen, nehmt doch immer mal einen Gymnastikball. Das stärkt die Rumpfmuskeln, bewegt die Hüften und das Becken und verschafft euch das Gefühl, gleichmäßig auf den Sitzbeinhöckern zu sitzen. Es verbessert das Bewusstsein für euren Sitz, schult Balance und Haltung. Ihr werdet sehen: Mit der Zeit zieht ihr den Ball eurem normalen Stuhl vor!

(A. Hampson, H. Randle: The influence of an 8-week rider core fitness program on the equine back at sitting trot, International Journal of Performance Analysis in Sport, 15/3, 1145-1159)

Wissenschaftlich bewiesen: Hier geht’s zu Alexandra Hampson Anleitungs-Video. Alle Übungen aus der Studie werden anschaulich von zwei Seiten gezeigt, so dass man sie leicht nachmachen kann (20 min.; in Englisch)

Trainingsforscherin Alexandra Hampson will Pferde vor Schmerzen bewahren, indem sie Reiter fitter macht. Foto-Copyright: Hampson

Trainingsforscherin Alexandra Hampson will Pferde vor Schmerzen bewahren, indem sie Reiter fitter macht. Foto-Copyright: Hampson

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*