Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

Von falschen und echten Wundermitteln für Pferde

Aufgegabelt und kommentiert von Christine Felsinger

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Ich bin Christine Felsinger; Biologin, Journalistin und Bloggerin. Ich bin Christine Felsinger; Biologin, Journalistin und Bloggerin.

Gut, dass heute so viele Leute an Dingen tüfteln, die Pferden und Reitern helfen sollen. Hilft uns das wirklich? Wo sind die wahren Wundermittel?

Ich freue mich über jede Innovation, die Pferden nutzt. Ehrlich. Als Mitglied diverser Innovationspreis-Jurys habe ich unzählige Neuheiten rund ums Pferd gesehen, geprüft, gelobt und kritisiert. Ist ja toll, dass Pferde heute nicht mehr wie früher in Ständern stehen, sondern frei durch ihren Laufstall schlendern und Körner knabbern, die ihnen der Computer dosiert vor die Hufe spuckt. Aber müssen sie Brennesseltee statt Wasser trinken und Joghurt essen, um sich auf Trab zu halten? Sind Mikroorganismen in Tüten wirklich effektiv für sie?

Muss man Pferde in buntes Regenzeug packen und ihnen Spielzeug in den Sandkasten legen?

Es geht weiter beim Reiten: Wörter wie Impuls, Signal und feine Verbindung sind heute zum Glück in aller Munde. Leider bleiben sie häufig dort liegen, weil der Weg vom Reitermund zur Hand weit ist. Um die Lücke zwischen Reden und Tun zu überbrücken, wird die Spanne an Hilfsmitteln immer beachtlicher. Es gibt Gebisse, deren Zweck höchstens der Erfinder versteht. Gar nicht gebrochen oder gleich mehrfach, mit anatomischer Ergonomie von Genick bis Lade und mit Anzügen in jeder Preisklasse, vor denen Herrenausstatter erblassen. Zungenfreiheit, Rollen, Löffel halten die Weichteile im Zaum. Fruchtiger Apfel, poliertes Kupfer oder rostiges Eisen soll Pferden versüßen, dass wir Nasenriemen dank Umlenkrollen kinderleicht bis zum Anschlag zuknallen können. Wem das Gedöns zuviel ist, der kann Metall und Leder beliebig minimieren bis hin zu Halsring, Kappzaum, Knotenhalfter. Kurz: Es ist alles erfunden, womit wir Pferde sinnvoll oder sinnbefreit an der Nase herumführen können.

Entlarvendes Zähneknirschen – als equiner Stoßseufzer „Nimm mir den da oben aus dem Kreuz“ – wird mit Kautabletten kaschiert. Und Schutzsalben für gestresste Pferdemäuler sollen verhindern, dass zartrosa Schnuten hässlich einreißen, wenn unruhige Hände an falsch verschnallten Gebissen zuppeln.

Im Overkill der Hilfsmittel für Ausbildung und Pferdehaltung geht es oft darum, Symptome zuzuschmieren. Damit nimmt man Reitern die Chance auf eine ungeschminkte Problemdiagnose und eine ehrliche Lösung.

Ob wunde Maulwinkel, knirschende Zähne, Zungenfehler oder Ablehnungsmängel: Erst wenn alle Ursachen beleuchtet, ausgeschlossen oder behoben sind, sollten wir dem Lockruf der Helferlein folgen. Wer die vermeintlich bequeme Abkürzung wählt, schafft nur neue Probleme. Vor allem, wenn er sich die falschen Helfer aufschwatzen lässt. Paradebeispiel Hilfszügel: Erfunden, um mit klarem Ziel und Zeitlimit eine Ausbildungsklippe zu meistern, ist das Verstrippen von Pferden in zu vielen Ställen Alltag. Jeder kennt Pferde, denen schädliche Schlaufzügel oder unnütze Halsverlängerer den Weg zur natürlichen Balance verriegelt haben.

Wie Brücken zu Krücken werden, erlebte auch das Sattlerhandwerk. Früher waren Sättel flach, hart und vom strammen Sitzfleisch glattpoliert. Reiter waren eher sportlich und Pferde noch keine Lampenaustreter. Heute sind die wenigsten Reiter Sportskanonen, dafür haben moderne Pferde von Haflinger bis Holsteiner einen Schwung drauf, der normal Begabte aushebelt. Etliche Sattler lassen sich daher verleiten, Sättel wie Sitzprothesen oder Gefängnisse zu bauen: Wuchtige Zwiesel und Pauschen klemmen den haltsuchenden Reiter so ein, dass er zwar obenbleibt, aber nicht mehr sitzen (= mitschwingen) kann. Also wird er mit dem Sattel verklebt; durch Haftpaste, Druckknöpfe oder rutschhemmendes Hosen-Gummi.

Bizarr wird es, wenn sich blanker Unsinn als Innovation fürs Pferdewohl tarnt: Seit etwa 10 Jahren halten sich „Sporenschutzgurte“ am Markt, mit denen Pferde trotz Sporenwunden und Scheuerstellen geritten werden können.

Einer der Hersteller, der sich „Lovehorses“ nennt (er scheint das ernst und nicht ironisch zu meinen), erklärt: „Lovehorses ‚Schutzgurte‘ dienen der Vorbeugung und dem Schutz vor Abriebstellen (kahlen Stellen), verursacht durch den Reiterschenkel. Der Schutzgurt dient vor allem dem Schutz des Pferdes. Er ermöglicht das Pferd auch mit Sporenverletzungen regulär zu reiten, da man es nicht mehr notgedrungen schonen muss bis die Wunden abgeheilt sind. Der Schutzgurt dient der Vorbeugung (bei regulärer Anwendung) von Sporenverletzungen, da er wie eine Schutzschicht wirkt.“ Noch vor ein paar Jahren war vom selben Hersteller diese Version im Netz zu lesen, die die Sache auch nicht besser macht: „Für viele Anfänger ist es besonders schwer, die richtige Position der Beine beizubehalten, wobei diese durch ständiges Hin- und Herreiben, mit und ohne Sporen, sichtbare Abschürfungen am Pferdeleib verursachen.“ Hallo? Soll der Anfänger doch erstmal seine Beine unter Kontrolle bringen und sich die Sporen verdienen. Denn unbewaffnet reißen auch unruhige Schenkel keine Wunden in den Pferdebauch.

Hören wir also auf, uns was vorgaukeln zu lassen: Reiten wird mit trendigen Gurten, Gebissen oder Strippen nicht einfacher.

Schluss mit den Märchen, dass alte und neue Erfindungen wie Kopperriemen (gegen Koppen), Boxengitter mit V-Ausschnitt (gegen Weben), Himalayasalz (gegen Mineralmängel) und unter Strom gesetzte Gummimatten an der Boxenwand (gegen futterneidisches Klopfen) Pferden ein besseres Leben ermöglichen.

Die Wundermittel sind so natürlich wie einfach: Beschäftigungsanreize. Durch Stallkumpel und eine stimulierende Umgebung im Stall und im Paddock. Durch naturnahes Futter und moderne Futtertechnik, die Pferde lange beschäftigt. Durch abwechslungsreiche Bewegung ohne und mit Reiter. Der Markt bietet heute schließlich genug sinnvolle Hilfsmittel für die Vollbeschäftigung unserer Pferde vom Paddock bis in den Parcours. FREUNDPFERD freut sich, solche nützlichen Dinge peu à peu vorzustellen!

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12 Kommentare

  1. Hallo Frau Felsinger,
    schöner Artikel, der mir aus der Seele spricht!
    Ich bräuchte bitte aber noch Nachhilfe:
    Ihr Zitat: „Entlarvendes Zähneknirschen – als equiner Stoßseufzer „Nimm mir den da oben aus dem Kreuz“ – wird mit Kautabletten kaschiert.“
    Was für Kautabletten?
    Und
    „Also wird er mit dem Sattel verklebt; durch Haftpaste, Druckknöpfe oder rutschhemmendes Hosen-Gummi.“
    Druckknöpfe???
    Hätten Sie da mal ein Bild?
    Danke!
    Sabine

    • Danke für das Lob. Nein, ein Bild habe ich leider nicht; es handelt sich um Kauhilfen aus Wachsplättchen. Und die Druckknöpfe saßen zwischen Stiefelschaft und Sattelblatt. Kein Witz. Liebe Grüße Christine

  2. Wunderbar! Vielen DANK für diese ehrlichen Worte! Endlich mal eine Mutige, welche die unbequeme Wahrheit in den Mund nimmt. Seit Jahren lässt der Ausbildungsstand der „Durchschnittsreiter“ mehr als zu wünschen übrig, und das trotz modernster Medien und diversen sehr guten Möglichkeiten, sich digital relativ günstig fachlich kompetentes und „hochwertiges“ Wissen anzueignen. Die Zeit von „Geiz ist geil“ und „alles geht schnell und billig“ ist grausam für die Tierwelt, nicht nur für Pferde. Und immer noch laufen viele junge Menschen den falschen Reiteridolen hinterher. Manchmal wundere ich mich, was Reiter & Pferdebesitzer glauben, nur weil es bequem ist und käuflich. Der ach so geliebte Stall, in dem es dem Pferd schlecht geht, aber die Stallgemeinschaft ist ja so nett, der brutale Reitlehrer, der es ja aber so toll drauf hat, die Maulbutter, das x-te Pülverchen, Luxuspolstersatteldecken für den Sitzprotesensattel und die „lass es richtig krachen beim Reiten, der muss nur mal sehen, wo es längs geht“ … 🙁 Danke für diesen tollen Artikel!

  3. Danke, liebe Christine, für diesen tollen Text! Vielleicht öffnet er ja auch einigen der letzten Dummen die Augen.

    LG
    Marvin

  4. simple technische Bitte:
    ich folge gerne Blogs / Kommentaren, wenn ich etwas gepostet habe oder mich etwas interessiert, geht bei euch aber nicht automatisch (per Nachricht), das ist etwas lästig.
    Es gibt da ein nettes WP-Plugin „Subscribe to Comments Reloaded“ :-).
    LG
    Sabine

  5. Punkt. Dem ist nichts hinzu zu fügen. Ehrlich kritisch auf den Punkt gebracht. Lieben Dank dafür. ?

  6. Klar und trotzdem so amüsant auf den Punkt gebracht. Was es nicht alles gibt. Ich freue mich auf Weiteres von Dir.
    Viele Grüsse
    Mona

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