Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

Warum Tierärzte manchmal ratlos zur Spritze greifen

Mein Standpunkt zur Misere in Tierschutz und Pferdemedizin

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Lahmt das Pferd? Wenn wir Reiter uns nicht sicher sind, holen wir den Tierarzt und erwarten Rat und Reparatur. Lahmt das Pferd? Wenn wir Reiter uns nicht sicher sind, holen wir den Tierarzt und erwarten Rat und Reparatur.

Von Futterfehler bis Lahmheit: Wer sein krankes Pferd in Reparatur gibt, erwartet vom Tierarzt schnelle und möglichst billige Hilfe. Das kann so nicht funktionieren. Wie dann? 

Hand aufs Herz: Jeder hat schon mal über seinen Tierarzt genörgelt. Weil sein Spritzen-Cocktail gegen dicke Sehnen nicht prompt anschlug oder zu teuer war. Weil er bei der letzten Lahmheit länger im Nebel stocherte oder harte Gallen am Pferdebein nicht erweichen konnte. Wer Dr. Eberhard Schüle zuhört, leistet Abbitte fürs Nörgeln über Pferde-Docs. Schüle, Fachtierarzt aus Dortmund, hat 30 Jahre Praxis am Pferd hinter sich. Er wähnt sich und seine Kollegen in einer Zerreißprobe, bei der das Pferdewohl und die Zukunft der Reiterei auf dem Spiel stehen: „Tierärzte stehen in Abhängigkeiten, die bis zur Nötigung reichen.“

Was bringt den Veterinär so in die Klemme? Und warum könnte das für alle Reiter Folgen haben? Fragen wir Dr. Schüle einfach und schauen erst mal auf die Turnierreiterszene: Da stehen Richtlinien zu Doping, Equipment, Ausbildung und Reitmethoden auf diversen Papieren, die sich tierfreundlich lesen. „Würden die Regeln eingehalten, hätten wir den Himmel auf Erden. Aber sie werden eben nicht eingehalten, und damit sind es Lippenbekenntnisse“, findet Schüle.

„Statt die Regeln umzusetzen, ändert man sie öfter oder schafft Ausnahmen, damit Pferde überhaupt im Sport starten können: von Anti-Ulzerativa gegen Magengeschwüre über Nasennetze für Headshaker bis zur Zyklussteuerung bei Stuten.“

Der Gipfel, so Schule, sei die erlaubte Medikation – unter dem Vorwand, den Tierschutz im Sport zu fördern. Blitzsauberer Sport mit glücklichen, naturbelassenen Pferden bleibt ein Traum. „Der Reitsport hat Dimensionen erreicht, wo das Pferd nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, statt im Mittelpunkt zu stehen. Denn dort steht der Kommerz“, sagt Schüle. Hinzu kommt, in der Leistungsspitze wie in der Hobbyreiterei, die urdeutsche Einstellung, dass alles perfekt funktionieren muss – auch das Pferd. Gut, wenn es das tut. Ist es kaputt, muss eben der Tierarzt ran. Einmal heilen bitte, möglichst schnell, am liebsten billig. Sonst pilgert man zum nächsten Mediziner. Tierarzt Schüle wurmt das, und er dreht hier die Hand nicht um zwischen Turnierprofis und Hobbyreiter.

„Alle haben nur zwei Fragen im Kopf, wenn ihr Pferd krank ist: Erstens: Was kann man dagegen tun? Zweitens: Was kostet es? Reiter wollen, dass wir ihr kaputtes Pferd reparieren. Keiner fragt: Was können wir tun, damit es gesund bleibt?“

Ein harter Wurf, der zum Gegenschlag reizt. Denn es gibt Tausende Reiter, die nicht erst im Ernstfall nach Hilfe rufen. Für sie ist die Frage „Was kann ich tun, damit mein Pferd fit bleibt?“ so normal wie Zähneputzen nach dem Essen. Sie suchen Antworten in Zeitschriften, im Internet, bei Fachleuten, auf Kursen. Sie hören ihren Pferden zu und mühen sich nach bestem Wissen um ihr Wohl – im Stall, im Training, in der Medizin, bei Ausrüstung und Futter.

Weiß Eberhard Schüle das nicht? Doch. Aber er findet, dass es noch viel mehr Reiter geben müsste, die mehr wissen wollen. Auch von ihrem Tierarzt, damit der seine Präventivpflicht als (bezahlter!) Tierschutzberater erfüllen kann. „Wer ein Pferd hat, muss viel lesen und sich schlau machen, was in Haltung und Nutzung auf einen zukommt“, fordert Schüle. Und da kommt so einiges.

Beispiel Futter: Viele Pferde sind dick und krank, weil ihre Besitzer es gut meinen, aber zu tief in bunte Kraftfuttersäcke und Eimer greifen

„Diese Riesenpalette an Futter überblickt kein Laie mehr, und eine Futteranalyse oder -beratung lässt leider kaum einer machen“, sagt Schüle. Die Folge: Tierärzte müssen an Symptomen doktern – Magengeschwüre, Hufrehe, Kolik, allergischer Husten. Letzterer ist für Schüle ein Paradebeispiel für Fehler in Fütterung und Haltung. „Bei chronischen Atemwegsleiden können wir Tierärzte nichts ausrichten, solange der Pferdebesitzer nichts ändert.“ Dass sich das leicht sagt, mangels geeigneter Ställe jedoch schwer umsetzen lässt, akzeptiert Schüle nicht: „Es gibt genügend freie Einstellplätze – wenn man das Pferdeinteresse in den Mittelpunkt stellt und nicht die eigenen Bedürfnisse nach Freunden, Nähe oder Preis.“

Womit wir beim Geld sind, und das wird die Achillesferse bei immer mehr Pferdehaltern. „Das Unternehmen Pferd ist oft knapp auf Kante genäht“, beobachtet Schüle. Umso größer ist der Erfolgsdruck der Kunden auf die Medizin, die perfekte Reparatur zu liefern, damit ein Pferd wieder läuft. „Wir können aber nicht jeden Fall zur Zufriedenheit der Kunden lösen“, bedauert der Tierarzt. Im Hauruck geht sowieso wenig, denn Diagnosen sind oft aufwändig, Behandlungen langwierig, Operationen und invasive Methoden risikoträchtig. Pferderechtler haben gut zu tun, weil immer mehr Reiter in der Hoffnung auf Schadenersatz gegen Tierärzte klagen.

Naturheiler, Homöopathen oder Knochenbrecher stehen Schlange, um schulmedizinisch enttäuschte Reiter glücklich zu machen

Mit ein paar Griffen, Kügelchen oder Egelbissen könnte alles so leicht ins Lot kommen. „Alternative Therapeuten gehen mehr auf den Pferdebesitzer ein, tauschen Gedanken aus, signalisieren Verständnis“, sagt Schüle. „Der Auftraggeber steht diesen Heilern positiver gegenüber als dem notwendigen Übel Tierarzt. Und er ist schon zufrieden, wenn er subjektiv das Gefühl hat: Es geht meinem Pferd jetzt besser!“

Von überall kommt also Druck auf die Pferde-Doktoren. Einige knicken ein unter Konkurrenz und Kundenzwang. Sie führen beflissen alle Aufträge aus, ob pro oder contra Pferd. Geben Spritzen in geschundene Rücken. Verschreiben Salben, wo eigentlich die Reitmethode kuriert gehört. Die anderen halten ihre Moral als Gesundheitsschützer hoch, sagen ehrlich „Mache ich nicht“. Sie verlieren dabei Wackelkunden, die vielleicht eh auf dem Absprung vom Hobby Pferd waren – und könnten, so kurios das klingt, mit ihrer Aufrichtigkeit die Keimzelle für die Regeneration der Pferdehaltung werden. So sieht es Eberhard Schüle.

Diese Regeneration tut not, denn in der Reiterei trennt sich gerade die Spreu vom Weizen. Wem es lästig wird, 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr die Verantwortung für ein Pferd zu tragen, der schmeißt hin. Vernachlässigt sein Pferd, verkauft es, gibt es bei Tierschützern ab, die sich dann darum kümmern sollen. „Reiten funktioniert nicht so als Breitensport, wie man mal gedacht hat. Der Pferdeboom hat den Scheitelpunkt hinter sich“, bilanziert Schüle und nennt das „Gesundschrumpfung. Übrig bleiben Reiter und Tierärzte mit genügend Disziplin und Fachwissen.“ Möglich, dass dieses Fachwissen bald über eine Art Pferdeführerschein dokumentiert werden muss, orakelt Schüle und malt das Szenario einer Pferdewelt, die ihre Tierschutzprobleme nicht über Selbstdisziplin in den Griff kriegt:

„Unser Image in der Öffentlichkeit ist geprägt von Dingen wie Doping, verunfallten Rennpferden, verwahrlosten Ponys. Wenn sich das gesellschaftliche Bedürfnis nach Tierschutz weiter ausbreitet, trifft dies auch die Freizeitreiterszene.“

„Dann könnte es sein, dass wir unter dem emotionalen Druck der nichtreitenden Bevölkerung eine Pferdehaltungsverordnung kriegen. Bei der Hundehaltungsverordnung war‘s genauso: Die hatte man politisch am Kampfhunde-Thema aufgehängt, das damals alle Gemüter erregte.“ Unser Fazit und Schüles Appell: „Die künftige Entwicklung von Pferdesport und -haltung hängt großteils von Leuten ab, die mit Pferden nichts zu tun haben. Wir sollten also jetzt über unseren Tellerrand schauen.“

Diesen Standpunkt habe ich erstmals im August 2013 im Pferdemagazin Cavallo veröffentlicht. Mein Kommentar basiert auf vielen Gesprächen mit Therapeuten, einem Interview mit Pferde-Fachtierarzt Dr. Eberhard Schüle und dem Besuch beim Baden-Badener Tierärztekongress im Juni 2013.

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