Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

Warum ich mein Pferd lieber nicht liebe

...sondern zu respektieren versuche. Eine Liebes-Entklärung an einen guten Freund.

0

Christine Felsinger ist Gründerin der Fütterungs-Blogs FREUNDPFERD.de und Chefredakteurin von Christine Felsinger ist Gründerin der Fütterungs-Blogs FREUNDPFERD.de und Chefredakteurin von "ReitKultur: Das Bookazine für die klassischen Reitweisen".

Wir lieben Pferde. Klar! Jeder nickt eifrig, es klingt so schön und ist ja auch selbstverständlich, oder? Es sagt sich leicht und lebt sich so schwer, denn was soll das heißen: Wir lieben Pferde?

Nähern wir uns dieser schwer beladenden Zweierbeziehung doch mal von einer abgespeckten Gefühlsebene und versuchen, unserem Pferd ein respektabler Freund zu sein. Das ist schon ziemlich schwer im Wahnsinn des Alltags. Es bedeutet, dass ich mir Zeit und Geduld für meinen Freund Pferd nehme. Meist ist das (genau wie bei meinen zweibeinigen Freunden) viel weniger Zeit und Geduld, als ich mir eigentlich für meine Freunde nehmen möchte.

Mit diesem pferdelebenslang schlechten Gewissen, immer zu wenig Zeit für Zuwendung zu haben, muss ich selbst fertig werden. Mein Pferd sieht das wahrscheinlich gar nicht so, sondern sieht mir meine partielle Distanz nach, denn es lebt in seiner Herde, hat seine Bewegung und sein Futter und sein Dach überm Kopf. Es braucht meine Freundschaft nicht, schon gar nicht meine Liebe.

In der Natur ist Liebe nicht vorgesehen. Es gibt den biologischen Trieb zur Gemeinschaft, weil sie uns vor Gefahr schützt und (genau wie das Essen sättigender Speisen) dafür sorgt, dass wir wenigstens solange leben, bis wir uns fortgepflanzt und auch unsere Brut zur Überlebensreife gebracht haben. Dass wir wiederum das tun, liegt an dem natürlichen Trieb, sich zu paaren, weil es unsere Gene überleben lässt und unsere Art erhält. Der Schwall an Hormonen, die zu diesem Behufe ausgeschüttet werden, wird nur unter Menschen Liebe genannt.

Das klingt ziemlich nüchtern, aber genau in dieser Triebwelt wurde mein Pferd gezeugt, und in diese Welt hinein wurde es geboren. Von Liebe weiß es nichts. Aber es hat Sicherheit genossen und Geborgenheit. Frisch geschlüpft hat es die Wärme seiner Mutter gespürt und die süße Milch aus ihrem Euter geschmeckt. Später wurde es flügge, tapste im Alleingang vorwitzig und unbeholfen durch die Welt, büxte schon mal von der Koppel aus und traute sich allein übern Hof, wo es mir an Ostern 1997 zum ersten Mal begegnete und mich mit einer Mischung aus Misstrauen und Neugierde beschnupperte.

Ich habe es ein paar Monate später seiner Mutter weggenommen und in einem klapprigen Hänger in eine fremde Welt gefahren, wie man das eben so macht mit einem Absetzer. Seither bin ich verantwortlich dafür, dass es meinem Pferd gut geht. Es möchte satt sein und regelmäßig rossig, will ab und zu galoppieren, nicht zu oft klatschnass werden, denn dann kräuselt mein Pferd seit 18 Jahren die Nase. Es möchte manchmal gekrault werden, gern hinter und zwischen den Ohren, aber bitte nicht zu aufdringlich, denn dann kräuselt es auch die Nase. Es kommt bereitwillig, wenn man es zur Arbeit ruft, aber es schätzt keine endlosen Trainingseinheiten, denn die quittiert es, nun ja, mit gekräuselter Nase. Nach dem Reiten ist es seit 18 Jahren darauf konditioniert, dass es Futter aus dem Eimer gibt. Meist wird das gern genommen, nur wenn breiiges Mash im Eimer wäre, dann kräuselt es, nun ja…

Ist für all das Liebe nötig? Ich glaube nicht. Ich glaube, es ist viel mehr nötig: Verantwortung, Verständnis, Respekt, viel Wissen, eine gewisse Gelassenheit und immer wieder Nachsicht. Liebe könnte eher hinderlich sein, weil sie uns mit ihren emotionalen Stürmen die Vernunft aus dem Hirn bläst. Im Umgang mit dem Pferd kann das fatal letal ausgehen. Wäre ich zu verliebt und distanzlos gewesen in den letzten 18 Jahren, wäre ich längst tot. Getroffen von Hinterhufen, über den Haufen gerannt in der Herde, unter die ich mich naiverweise gemischt habe. Wäre ich verliebt in mein Pferd, würde ich es womöglich rosarot dekorieren, in Fleece wickeln, geschoren in eine warme Garage sperren oder ihm stolz Schleifen ans eng verzurrte Sperrhalfter hängen.

Auch für ein Pferd kann es also fatal letal sein, wenn es geliebt wird. Die schwersten Verbrechen von Menschen sind Beziehungstaten im engsten Umfeld, sagen Juristen. Getrieben von verhängnisvoller Liebe oder von Fanatismus, was so ziemlich das gleiche ist. „Am liebsten würde ich mein Pferd mit ins Bett nehmen“, habe ich vor Jahren von einer Stallkollegin gehört, die ihr Pferd viermal täglich besucht hat, Bandagen auf- und abwickelte, Decken auf und ab nahm, Körner für ein kerngesundes Pferd zu Suppen verkochte. Ich glaube, sie meinte es bitter ernst mit ihrer Liebe.

Ich möchte meine Emotionen unter Kontrolle halten, wenn ich mit meinem Pferd umgehe. Das bin ich ihm schuldig. Wenn ich jemanden liebe, kann ich das nicht. Und ich will es auch nicht. Liebe heißt auch leiden, Liebe verzerrt und verzehrt, Liebe ist feurig, niemals fair. Liebe kann, wenn überhaupt, nur unter Gleichen funktionieren. Mein Pferd ist nicht gleich, es ist abhängig und verdient meinen Respekt. Ich darf es nicht lieben. Aber ich bin jeden Tag froh, dass ich sein Freund sein darf.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*