Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

Tierschutz bei Turnieren: Am längeren Hebel

Die Hintergrund-Reportage über den Reitsport

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FREUNDPFERD-Bloggerin Christine Felsinger ist Journalistin und Biologin. FREUNDPFERD-Bloggerin Christine Felsinger ist Journalistin und Biologin.

Sie müssen Psycho-Stress, Rollkur, harte Paraden und scharfe Gebisse erdulden. Damit machen viele Reiter ihren Pferden derart Angst, dass die nur zwei Auswege haben: Entweder sie kuschen. Oder sie rasten aus und werden gefährlich.

Christine Felsinger, in: CAVALLO 7/2007. Warum veröffentliche ich diese Titelstory, die damals für Aufsehen und Zuspruch sorgte, noch einmal in meinem Blog? Weil sich im Reitsport, egal welcher Disziplin, leider wenig verändert hat. 

Schiere Panik trieb den Hengst auf die Barrikaden. Bei jeder Piaffe kletterte er die Hallenbande hoch und brachte Passagiere in Not. „Er galt als Mörderpferd, kannte nur Kandare und Schlaufzügel“, empört sich die Schweizer Dressur-Legende Christine Stückelberger. In ihrem Kirchberger Stall landete das Spitzenpferd schließlich zur Korrektur – weil der vorigen Trainerin, einer bekannten Olympiareiterin, endgültig der Geduldsfaden riss.

Wie diesem Hengst geht es Tausenden Pferden: Sie haben Angst vor ihren Reitern. Beißen beim Satteln, flüchten beim Aufsteigen, verweigern Lektionen oder springen aus dem Dressurviereck. Diese Panik vor dem Menschen und seinen Ansprüchen klebt pechzäh im Gehirn, lässt sich kaum wieder löschen. Für Christine Stückelberger ist es unverständlich, wie man Pferde so in Panik versetzen kann, dass sie schon beim Aufsteigen zittern. „Pferde tun alles für einen, wenn man sie gut behandelt. Ich reite den angeblichen Mörderhengst nun auf Trense, er benimmt sich wie ein Schaf“, sagt die Eidgenossin, die mit Köpfchen und Diplomatie gegenüber dem Pferd 1976 Olympiasiegerin wurde. Sie entstammt einer Reiter-Generation, die ihre Pferde häufiger lobte als einschüchterte. Heute riegelt und schnürt man Tiere oft zum Sieg.

„Es ist vielfach eine so grobe, gedankenlose Reiterei. Pferde sind in dem Moment nur noch Mittel zum Zweck“

„Es ist vielfach eine so grobe, gedankenlose Reiterei. Pferde sind in dem Moment nur noch Mittel zum Zweck“, klagt Stückelberger, Vorsitzende des Vereins Xenophon zur Förderung klassischer Reitkunst. Und prangert an, dass verängstigte Pferde von der Schulstunde bis zur Sportspitze erschreckend alltäglich sind. „Es fällt nur keinem auf, weil es so normal ist.“

Das zeigt ein beliebiger Tag bei einem Turnier irgendwo in Westeuropa; jenem Teil der Welt, der sich als Wiege klassisch-feinen Reitens versteht. Auf dem Mannheimer Maimarktgelände zum Beispiel wettkämpften im Mai 2007 Springreiter aus aller Welt sowie international dekorierte deutsche Dressurreiter. Cavallo-Textchefin Christine Felsinger nahm dort am Samstag, 5. Mai 2007, den Abreiteplatz ins Visier. Es war immerhin die Generalprobe zur Spring-Europameisterschaft im August. Trotzdem beschwerten sich weder Richter noch Zuschauer über Hunderte übler Szenen, die sich in Fotospeicher, Videos und Gedächtnis des Redaktionsteams brannten.

Die Bilder passen in kein Lehrbuch. Einen Teil davon zeigt diese Geschichte: Ziehen an scharfen Gebissen. Extremes Verbiegen des Halses im falschen Moment. Engmachen in den Ganaschen, bis die Ohrspeicheldrüsen hervorquellen. Widersprüchliche Hilfen, hebelnde Gebisse, knebelnde Hilfszügel. Versammlung aus Verspannung, die steife Rücken, Buckeln oder Schwebetritte provoziert. Pferde geraten außer Takt, drücken den Unterhals heraus oder müssen ihn knalleng aufrollen.

Was neuerdings als Rollkur Schlagzeilen macht, ist in Wahrheit uralt und hieß früher „Brustbeißen“: Am Beispiel von Alwin Schockemöhles Springpferd Donald Rex schilderte Horst Stern 1974 in seinen „Bemerkungen über Pferde“, wie die Fluchttiere damit bewusst blind und hilflos gemacht werden. Blind scheinen auch Reiter, Zuschauer und Richter, die diese Technik immer noch als Gymnastik verharmlosen.

„Den meisten Pferden wird permanent Angst und Druck gemacht. Sie dürfen sich kaum bewegen, haben Schmerzen, können bei tiefgezogenem Kopf nichts sehen und mit eingezwängten Ganaschen schlecht atmen“

Horst Stern, der heute 84 Jahre alt ist und sich in Bayern versteckt, würde bei Turnieren wie in Mannheim zahllose Dejà-vus erleben. An seiner Statt kümmert sich nun Dr. Ulrike Thiel um die Psyche der Pferde, über die sie im Herbst ein Buch veröffentlichen wird. „Den meisten Pferden wird permanent Angst und Druck gemacht. Sie dürfen sich kaum bewegen, haben Schmerzen, können bei tiefgezogenem Kopf nichts sehen und mit eingezwängten Ganaschen schlecht atmen“, bilanziert die Psychotherapeutin, Reitlehrerin und Richterin aus dem niederländischen Soerendonck, die Redakteurin Christine Felsinger zum Maimarkt-Turnier begleitete. Die dort entstandenen Fotos beurteilte sie zusammen mit drei weiteren Experten, darunter Olympiasiegerin Stückelberger, die über die Bilder regelrecht „erschrocken“ ist: „Was müssen diese Pferde leiden!“

Christine Stückelberger und Ulrike Thiel bemängeln auch, dass zum Psycho-Stress Sitzfehler kommen, welche Balance und Harmonie stören. „Ein großer Teil der Reiter sitzt entweder mit steifem Kreuz oder schlapp und schief im Sattel – und verlangt, dass sich das Pferd nachher in der Prüfung balanciert bewegt“, sagt Thiel, die sich intensiv mit reiterlicher Anatomie und Psychomotorik beschäftigt. „Es entsetzt mich, dass bei diesem gedankenlosen Einwirken bis zum Inkaufnehmen und gezielten Zufügen von Schmerz keiner auch nur die Augenbraue hochzieht.“

„Wenn man als Richter zuviel durchgehen lässt, legen Reiter zuhause, wo keiner sie sieht, noch eine Kohle nach“

Diese Ignoranz ist ebenfalls altbekannt. Schon Horst Stern monierte massakrierte Springpferdemäuler und Frackreiter, die muskelentspannende Mittel unter den Sattel spritzen, um nicht „in der Manier eines Mörserstößels“ auf den Pferderücken hämmern zu müssen. Das war auch damals Doping. Und die Richter waren genauso schwer zu überzeugen, dass sie vom Ehrgeiz getriebenen Athleten auf die Finger klopfen müssen. Christoph Hess, Leiter der Abteilung Ausbildung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und verantwortlicher Richter bei großen Turnieren, räumt Nachholbedarf ein, was Kontrolle der Richter und Selbstkontrolle der Reiter anlangt. „Sicherlich rechtfertigt Erfolg nicht alle Methoden. Harmonie, die nicht in jeder einzelnen Situation optimal gewährleistet sein kann, muss nicht nur in Viereck und Parcours herrschen, sondern auch auf dem Vorbereitungsplatz. Wenn man als Richter da zuviel durchgehen lässt, legen Reiter zuhause, wo keiner sie sieht, noch eine Kohle nach.“

„Es gibt Situationen, in denen das Pferd sich unterordnen muss. Eine permanente Unterordnung ist natürlich abzulehnen“

Die Fotos aus Mannheim machen Hess nicht glücklich. Er will sie nicht „schönreden“, beteuert es und tut es dennoch. „Daran ist sicher etliches auszusetzen. Es gibt Situationen, in denen das Pferd sich unterordnen muss. Eine permanente Unterordnung ist natürlich abzulehnen“, sagt Hess und sucht Gründe, warum Profis so reiten. „Manche werden versuchen, ihre Pferde auf dem Abreiteplatz vorübergehend gefügiger zu machen, damit im Parcours die Feinjustierung stimmt. Sie werden auch Fehler provozieren: eine Stange höher legen lassen, einen Übergang energischer reiten, das Pferd mit den Sporen kurz intensiv aufmuntern oder schärfer mit der Hand einwirken“, so Hess. „Das ist oft ein Grenzbereich, der leicht von Grün nach Rot kippt. Das müssen Richter erkennen.“

Genau dies passiert zu selten; ein Mangel an Courage, auf den Kritiker schon in der Ponyklasse hinweisen. Dass Reiter ausrasten und Richter dies als Gehorsamsübung oder Ausnahmesituation weichspülen, beginnt nämlich schon beim Nachwuchs. Der Züricher Uni-Tierarzt Dr. Michael Weishaupt erinnert sich an ein Ponyturnier im Rheinland, das er besuchte. „Ich war schockiert, denn man sah dort genau solche Bilder, Eltern feuerten ihre Kinder dabei an. So gewöhnt man sich sehr jung daran, dass man das so macht.“

Und zwar quer durch alle Disziplinen und Nationen, wie sein Schweizer Kollege Dr. Thomas Stohler aus Biel beobachtet. Das Problem betrifft außer Springen und Dressur auch Rennen, Distanzsport und Shows, so der ehemalige Präsident der Schweizer Vereinigung für Pferdemedizin. Überall würden Angst und Fluchttrieb des Pferds ausgenutzt, um spektakuläre Aktionen zu bekommen. So fand Stohler bei Show-Arabern Schürfwunden am Kopf und Striemen am Körper, weil sie durch Reißen an dünnen Halftern und Peitschenhiebe aufgeputscht werden. Damit sie den Schweif höher tragen, steckt man scharfe Substanzen in den After, im Doping-Deutsch Gingering. Stohler: „Früher nahm man Ingwer. Seit man den nachweisen kann, nimmt man synthetische Mittel, für die es kaum einen Nachweis gibt.“

„Wenigstens hat die Methode nachgelassen, Westernpferden in der Nacht vor der Prüfung den Kopf nach oben zu binden, damit sie ihn in der Prüfung unten lassen“

Westernpferde, die bei Halter-Shows posieren, tragen mitunter Nägel im Genickstück des Halfters, damit der Kopf tief bleibt. „Blödsinnig. Die Pferde sind völlig eingeschüchtert“, urteilt der Cutting-Profi und mehrfache Deutsche Meister Jörg Pasternak aus Herzberg im Harz. „Wenigstens hat die Methode nachgelassen, Westernpferden in der Nacht vor der Prüfung den Kopf nach oben zu binden, damit sie ihn in der Prüfung unten lassen. Das sah man in den letzten Jahren deutlich seltener.“ Solche systematischen Einschüchterungstaktiken findet Pasternak verwerflicher als einen Spornstich. Für viele ist freilich genau jener der schlimmste Sündenfall. Und für Richter ist dieses offenkundige, blutige Härtezeichen am einfachsten zu ahnden. „Ein Spornstich ist nicht schön, kann aber bei einem Pferd mit extrem dünner Haut schon mal vorkommen“, findet Pasternak. „Und es gibt Situationen, wo man ein Pferd kurz härter anpacken muss. Aber man darf nicht beim Abreiten seinen eigenen Stress zu Hackfleisch am Pferd verarbeiten. Oder es über reiterliche Mechanik in Angst versetzen, um Höchstleistungen rauszupressen.“

„Das Pferd soll Runde um Runde rennen und hat die Hosen gestrichen voll“

Tabu ist für ihn etwa, Pferde „mit allem zu verschnüren, was gefügig macht. Ich sah öfters Jungpferde beim ersten Longieren, mit Sperrhalfter, Gebiss, Ausbindern. Einer hängt an der Longe, einer rennt mit der Peitsche hinterher. Das Pferd soll Runde um Runde rennen und hat die Hosen gestrichen voll.“ Auch „den großen Knüppel auszupacken, wenn das arme Tier etwas nicht verstanden hat oder es einfach nicht besser kann“, ist für Pasternak sinnlose Panikmache. „Ich kann ja nicht mal von einer Maschine verlangen, dass sie in jeder Sekunde 100 Prozent perfekt läuft. Wie soll es dann ein Pferd können?“

„Man kann Pferde nicht zur Leistung zwingen. Sie sind als Flucht- und Lauftiere nur bereit, ihr Äußerstes zu geben, wenn man sie positiv motiviert“, ergänzt Psychologin Ulrike Thiel. „Dann kommt ihre Motivation von innen statt vom Raubtier Mensch auf dem Rücken. Am Körperausdruck der fotografierten Pferde sieht man klar, dass sie sich nicht wohlfühlen.“ Das seien nur Momentaufnahmen. So lautet die übliche Entschuldigung, wenn ein Reiter erwischt wird, wie er sein Pferd prügelt, riegelt oder rollt.

Momentaufnahmen. Weil sie diese Ausrede satt hatte, verfolgte Ulrike Thiel 2004 die Dressurmeisterschaft in ihrer holländischen Heimat per Videokamera. Sie filmte, wie die amtierende Kür-Weltmeisterin und Rollkur-Verfechterin Anky van Grunsven ihr Pferd beim Abreiten 40 Minuten lang nahezu ununterbrochen mit extrem tiefgerolltem Hals hinter der Senkrechten ritt. „Das sollen Momentaufnahmen sein?“ fragt sich Dr. Thiel, die außerdem die Nachahmer Edward Gal und Imke Bartels bei ihren Rollkuren aufnahm.

Beim Foto-Termin in Mannheim lief ebenfalls die Videokamera, um zu dokumentieren, dass Grobheit weder momentanen Launen noch Zufällen unterliegt. Denn es ist keine Kunst, einen Reiter zum Handwerker zu stempeln. Jeder Fotograf kennt die Suche nach dem perfekten Augenblick, in dem der Reiter sauber sitzt und sein Pferd richtlinientreu läuft. „Von mir gibt es auch schlechte Bilder, wo ich mal hintenüber sitze oder das Pferd nicht die optimale Haltung hat“, weiß Dressurreiterin Christine Stückelberger ebenso wie jeder Profi. Und natürlich habe es immer Szenen gegeben, „so Reiter mal zulangten. Aber in dieser Fülle sah man das früher nicht“.

Wegen solcher Szenen stellte Christoph Hess als verantwortlicher Dressurrichter schon 2004 bei der Olympia-Vorbereitung in Aachen die Trainer der Deutschen Isabell Werth und der Niederländerin Anky van Grunsven zur Rede. „Bei Isabell fehlte damals die Harmonie mit dem Pferd. Sie versuchte, auf dem Abreiteplatz eine Piaffe zu reiten, die schon im Ansatz nicht klappen konnte, weil das Pferd gegen sie ging und verunsichert war“, erinnert er sich. „Bei Anky war es ähnlich, sie hatte ihr Pferd über längere Zeit extrem eng und tief eingestellt, was einer Unterwerfung und Degradierung gleichkam.“

„Schon in Klasse L wird gebimst, bis der Außengalopp klappt. Da muss eben ein Richter her, der das unterbindet“

Also sprach Hess mit den Trainern beider Damen, und die gelobten Besserung. „Das wurde auch umgesetzt“, findet er und verweist darauf, dass Abreiteplätze sich vom zugigen Zelt zu „Event-Bereichen“ gemausert hätten. „Da kommen viele Zuschauer hin, da gibt es zu essen und zu trinken, das ist inzwischen viel offener. Die Reiter haben aber jetzt natürlich eine größere Verantwortung, auch dort Vorbilder zu sein.“ Dass es daran nach wie vor krankt, bestreitet Hess nicht. „Natürlich schießen auch Weltklasse-Reiter mal übers Ziel hinaus. Reiter sind oft sehr ehrgeizig. Schon in Klasse L wird zum Beispiel gebimst, bis der Außengalopp klappt. Da muss eben ein Richter her, der das unterbindet“, sagt der FN-Ausbildungsleiter, 18 Jahre lang auch Chef des Bundesleistungszentrums im DOKR. „Mit Unterwerfung bringt man ein Pferd jedenfalls nicht zu höheren Leistungen.“

Genau das versuchen Ausbilder, wenn sie „Leidensfähigkeit“ vom Pferd verlangen – ein Begriff, den man immer wieder hört. Westernreiter Jörg Pasternak nennt das lieber Leistungsbereitschaft. Die ist für ihn eine Frage des Umgangs („wenn ich mein Pferd gut behandle, ist es auch gut zu mir“) und der Genetik. „Ich will Hubraum statt Spoiler. Zucht ist enorm wichtig; ein mittelmäßiges Pferd, dem ich massiv Druck machen muss, damit es etwas für mich tut, taugt nicht fürs Turnier.“

Immer mehr Pferde, egal ob Western oder Warmblut, sind heute freilich genetisch zu gut für ihre mittelmäßigen Reiter – zu schnell, zu schlau, zu sensibel, zu gangstark. Um steuern und sitzen zu können, ziehen solche Reiter schnell mal die Notbremse. „Aber wer ein sensibles Tier dominieren will, muss den Druck immer mehr steigern und hat am Ende das klassische verrittene Pferd“, sagt Pasternak. „Mit dem sind Sie nur auf Abreiteplätzen König. Sobald Sie in der Prüfung sind und das Pferd weiß, dass der Druck jetzt nachlässt, lässt es Sie hängen und rennt weg.“

„Wer ein Pferd durch eine Trainingsmethode wie die Rollkur systematisch so verunsichert und hilflos macht, provoziert Ausbrüche, wenn das Pferd die winzigste Chance zur Flucht sieht“

Manchmal passiert das auch erst bei der Ehrenrunde, wenn Zügel und Galoppsprünge länger werden – wie 2006 bei der Weltmeisterschaft in Aachen, als Anky van Grunsvens Salinero mit ihr ab durch die Mitte raste. Späte Rache für frühere Schandtaten, frohlockten Kritiker. Dr. Thiel beschreibt es nüchterner: „Wer ein Pferd durch eine Trainingsmethode wie die Rollkur systematisch so verunsichert und hilflos macht, provoziert Ausbrüche, wenn das Pferd die winzigste Chance zur Flucht sieht.“ Es sei denn, es hat vergessen, wie man sich wehrt. Erlernte Hilflosigkeit (Learned Helplessness) heißt dieses Not-Aus des Gehirns, das der amerikanische Psychologe Martin Seligman in den 1950er Jahren bei Hunden und Mäusen entdeckte: Er versetzte ihnen solange Stromstöße, bis sie willenlos im Käfig kauerten statt zu fliehen.

Ob es diese Strategie auch bei Pferden gibt, ist wissenschaftlich nicht belegt. Möglich wäre es. Sicher ist, dass sich Reiter zuwenig Gedanken machen, wie man Pferde so trainiert, dass sie lernen statt leiden. Das stellte eine Tierärztin fest, als sie 2003 die französische Spring-Equipe beriet. Deren Pferde wurden im Parcours regelmäßig so nervös, dass sie zu flach sprangen und Abwürfe kassierten. „Die Studie hat demonstriert, dass Durchlässigkeit und Steuerbarkeit des Pferds stark von seiner mentalen Sicherheit abhängen: Nervöse Pferde machen mehr Fehler“, sagt Dr. Michael Weishaupt. „Wie die Analyse zeigte, wurden die Pferde nie im Wettkampftempo trainiert, waren also beim Turnier körperlich wie mental überfordert. Regelmäßiges Galopptraining verbesserte ihre Leistung: Sie wurden ausgeglichener und konzentrierter.

Das Beispiel gefällt Dr. Weishaupt. „Es zeigt, dass man ein Problem durch Konzepte lösen muss und nicht einfach mit Beruhigungsmitteln an der vermeintlichen mentalen Schwäche des Pferds herummanipulieren darf – wie es im Dopingfall des Iren Cian O’Connor bei den Olympischen Spielen von Athen passierte.“ Weishaupt ist einer, der gerne analysiert. Ein Schweizer mit kühlem Kopf, der lieber nüchtern argumentiert, als sich vom Gefühl hinreißen zu lassen. Er plädiert dafür, mehr zu forschen und zu messen, damit Leidensbilder seltener werden. „Je mehr sachliche Argumente die Veterinäre und Richter haben, desto leichter können sie bei Turnieren Techniken oder Gebisse verbieten, die Pferden Schmerzen verursachen.“

„Erfolg fängt meist mit Kohle an statt mit Kompetenz“

Aber auch Wissenschaftler Weishaupt weiß, dass Wissen schaffen allein nicht genügt, um an den Grundfesten der modernen Reiterei zu rütteln: „Erfolg fängt meist mit Kohle an statt mit Kompetenz. Die kommt zusammen mit dem Gefühl leider oft erst an zweiter Stelle. Und Funktionäre schützen erfolgreiche Reiter, weil sie Geld einspielen und das System stärken.“ Kann das Pferd in diesem System überhaupt überleben? Weishaupts Kollege Stohler holt eine Bedenksekunde lang Luft. „Vielleicht, wenn der Reiter erst mal Vertrauen aufbaut. Dann kann er auch Druck ausüben und Leistung verlangen. Aber die meisten verlangen leider sofort Druck, weil keiner Zeit für Vertrauen hat.“
Dies war der Originaltext meiner Reportage von 2007, erschienen als Titelstory in Cavallo 7/2007. 

Hier gibt’s weitere Hintergrund-Berichte zum Tierschutz im Reitsport: 

Die Angst der Pferde beim Turnier: Kommentar von FREUNDPFERD-Bloggerin Christine Felsinger

„Mehr Tierschutz im Reitsport“: Video zur Podiumsdiskussion bei der Messe Pferd & Jagd Hannover

Halteverbot für Holland Reiter: Warum die neue Regel feines Reiten blockiert

8 Kommentare

  1. Tja, was soll man dazu sagen? Alle Fakten zur Leistungsbereitschaft, Unter- wie Übermotivation führen zu absinkender Leistung etc., etc.,… hab ich bereits 1995/98 im Buch „Pferde erfolgreich motivieren“ zusammengefasst. Um das nachvollziehen zu können, muss man freilich sein Gehirn einschalten. Mir persönlich hat es den Turniersport inzwischen gründlich verleidet, von einigen wenigen, wirklich tollen Ausnahmereitern abgesehen – aber die repräsentieren eben nicht die Realität des Sports. Leider.

  2. Liebe Frau Felsinger,

    ein ganz großes Lob und unseren großen Dank für diesen Bericht- bestätigt er doch in 1000prozentiger Form leider auch unsere Erfahrungen.

    Es müsste täglich so ein Bericht an alle Reitställe,Züchter, Ausbildungsställe und vor allem an die Berufsschulen gesendet werden. Ihr Bericht wird wohl leider aktuell bleiben !!!
    Die Hoffnung, dass sich da wirklich etwas ändert haben wir mittlerweile fast schon aufgegeben. Pferdefreunde, die sich sorgfältig und mit jahrzehntelanger Erfahrung der pferdegerechten Ausbildung, Zucht und Haltung widmen, werden immer noch belächelt. Mehr noch- manchmal regelrecht niedergemacht, wenn man einen Reitbetrieb, wie den unsrigen so pferdegerecht und konsequent umsetzt.
    Nur Turniererfolge zählen (wir gehen nicht mehr auf ein Turnier, weil eben immer noch die belohnt werden, die Ihre Pferde, wie oben beschrieben- fast hinrichten!)
    Unsere Pferde gehen auch Hohe Schule – aber mit Freude und Gelassenheit, sehen grüne Wiesen, dürfen mit anderen Kameraden auf die Koppel,ect. Unsere Pferde werden auch zum Unterricht zur Verfügung gestellt, allerdings müssen unsere Reitschüler eine feine Hand und einen guten Sitz haben. Das lernt man aber erst durch jahrelange Sitzschulung an der Longe. Guter Unterricht hat seinen Preis, wenn man fair zum Pferd sein will, aber will das die Masse? Wohl eher nicht.

    Wenn man dann, wie wir in diese Richtung auch den Urlaub mit dem Pferd anbietet, einschließlich Unterricht, braucht man einen langen Atem. Man muss sich häufig erklären, warum man niemanden direkt auf`s Pferd lässt, obwohl derjenige schon soooo lange reitet,oder gar Turniererfahrung hat.
    Es ist dann manchmal bitter von Urlaubern zu hören, dass „Schulpferde“ das abkönnen müssen, wenn man sich im Zügel festhält oder ununterbrochen dem Pferd ins Kreuz fällt. Schließlich hat man Urlaub und möchte seinen Spaß haben. Alleine Ausreiten ist Programm, egal ob man wirklich sitzen kann und letztlich auch weiß, was in brenzlichen Situatioen zu tun ist..

    Aber es gibt auch diejenigen, die unsere Ansicht teilen, dass man als erstes an sich selbst arbeiten muss, bevor man mit einem Pferd arbeiten kann.Das kostet aber viel Selbstdisziplin, Mühe,Zeit und auch Geld. Nicht zu vergessen : Empathie und Respekt dem Pferd gegenüber. Auch das ist dann richtiger Urlaub, wenn man weiß, man hat eine Beziehung zum Pferd aufbauen können und der Reitsport macht Reiter und dem Pferd richtig Spaß.

    Wir jedenfalls werden uns weiterhin an diesen doch eher selbstverständlichen Aspekten der Reiterei orientieren und scheuen keine Mühe den Pferdefreunden, ob jung oder alt dies nahezubringen.

    Bleibt die Hoffnung, dass nicht nur von „fairem Reiten“ erzählt wird, sondern auch echte Veränderungen und ehrliche Taten für diesen schönen Sport folgen werden.
    Bleiben Sie also unbeirrt dran „die Finger in die offene Wunde zu legen“, die Pferde werden es danken und wir auch !!!!!!

    Herzliche Grüße

    Claudia Bergmann-Scholvien

  3. Die Hauptursachen dieser furchtbaren Übel sind Ehrgeiz, Geld und fehlende Geduld, zu schnell zu viel, die Reihenfolge lass ich mal offen.
    Im Dressursport sollte man sich ungedingt auf vergessene Werte der klassischen Ausbildung(en), besinnen. Für viel mehr Kommentar reicht es bei mir nicht, da wissen viele andere besser Bescheid. Im Springsport hat sich leider im Gegensatz zu Zeiten der Kavallerieschule Hannover und deren großen und international hoch erfolgreichen Reiter der Weg durchgesetzt, das Pferd beherrschen zu wollen, ihm alles von oben zu diktieren, Tempo, Abspruch usw. und mit einer (zu) schnellen Ausbildung rasch zu hohen Leistungen zu kommen.
    Hier ist einfach die vorherrschrende Ausbildungsmethode der falsche Weg und weitere Ursache für die so oft zu sehende Disharmonie zwischen Pferd und Reiter und deren unschöne Folgen. Das Pferd bringe nur dann willig und gern Leistung, wenn es sich als Partner sehen darf, wenn es Vertrauen in seine und die Fähigkeiten seines Reiters hat. Das gelingt nur durch behutsame Ausbildung und Erziehung des Pferdes zur größtmöglichen Selbständigkeit, denn schließlich muss letztendlich das Pferd den Sprung bewältigen und das kann es am besten, wenn der Reiter nur Beifahrer ist und seinen Partner zu wenig wie möglich stört, statt alles von oben bestimmen zu wollen, Tempo, Absprungpunkt und alles andere, statt vor, sogar über und direkt wieder nach dem Sprung an dem Tier hart herumzureißen und durch sein ganzes Verhalten dabei oft genug vieles falsch einzuschätzen und dadurch Fehler geradezu zu provozieren. Von rhythmischem Reiten, was Grundvoraussetzung für das Gelingen eines schwierigen Parcours sein sollte, ist doch heutzutage weder im großen Sport noch beim kleinesten Dorfturnier etwas zu sehen.
    Hier würde sich eine Rückbesinnung sehr empfehlen. Und komme mir niemand mit „die Zeiten haben sich geändert, es gibt moderne Methoden usw.“, die Pferde haben sich nicht geändert, die haben auch schon Anfang des 20. JH z.B. große Leistungen vollbracht, allerdings mit Partnern, bei gegenseitigem Vertrauen und nach geduldiger und verständnisvoller Ausbildung zum selbständigen Teil eines gesamtharmonischen Bewegungsablaufs.

    • Lieber Horst Genzmer, vielen Dank für dieses offene Statement!Gestern durfte ich wieder eine Vorbereitung für kleinste Dorfturniere beobachten, sprich: eine Reitstunde, in der der Schülerin und ihrem (Spring-)Nachwuchspferd alles abverlangt wurde (mit immerhin steter, leider nur verbaler Betonung auf „Takt“). Es ging viel ums Vorwärtsreiten, von Balance und Selbstständigkeit hörte man nichts. Dehnung? Fehlanzeige! Haben Sie mein Interview mit Ulrike Thiel zum Thema Schlaufzügel im Springsport gelesen? Es würde mich interessieren, was Sie davon halten. Viele Grüße Christine Felsinger

  4. Das Dilema der FEI und FN, sie können dieses System nicht mehr ändern ohne das Gesicht zu verlieren, die Verbände wären am Ende. Sie müssten zugeben daß all die Jahre falsch und Tierschutz relevant gerichtet wurde, daß die Reitstars gar nicht so gut reiten wie das immer proklamiert wurde, das wäre ein Schlag ins Gesicht für alle prominenten Reiter(innen) Was würden die Fans dazu sagen und die Sponsoren erst. Wahrscheinlich würde die FEI und FN mit Schadenersatz-und Verleumdungsklagen überhäuft werden. Darum sollte man sich all zu viel Hoffnung machen, daß in naher Zukunft sich irgendwas verändern wird. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
    Glauben sie wirklich daß die Führungsgremien der FEI und FN ihre gut bezahlten Posten aufs Spiel setzen und den Laden jetzt umkrempeln, das sind in erster Linie Geschäftsleute und die werden das Ganze aussitzen bis geht nicht mehr. Erst wenn der Laden bei -geht nicht mehr- angekommen ist, besteht Hoffnung auf tiefgreifende Veränderungen.

    • Lieber Jos Hermes, danke für den pointierten Kommentar, Nagel auf den Kopf getroffen. Aussitzen ist ja leider ein beliebtes Phänomen, wobei ich schon der Meinung bin, dass die Verbände ohne ihr Gesicht zu verlieren sich einfach wieder stärker auf die klassischen Grundsätze besinnen können. In der Theorie passiert das ja auch schon beim einen oder anderen, aber ich habe den Eindruck, dass tatsächlich sehr viele Reiter, Ausbilder, Richter und Funktionäre gar keine korrekten Bilder mehr im Kopf haben, mit denen sie die Realität auf den Plätzen abgleichen könnten. Viele Grüße Christine von FREUNDPFERD

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