Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

„Die tragende Rolle lernt das Pferd erst von uns“

Physiotherapeutin Angelika Wohlfarth über die gesunde Wohlfühl-Körperhaltung

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Physiotherapeutin Angelika Wohlfarth ist FREUNDPFERD-Expertin. Physiotherapeutin Angelika Wohlfarth ist FREUNDPFERD-Expertin.

Als Journalistin habe ich viele Therapeuten interviewt, die das Pferd mit ihren Händen kräftiger und gesünder machen möchten. Die Frau hier im Bild fasziniert mich besonders. Auch, weil mir Angelika Wohlfarth die Augen geöffnet hat, warum meine Stute Maya von klein auf Probleme mit den Sehnen hatte (jetzt übrigens nicht mehr, toi, toi, toi). Am Gewicht oder am Futter liegt das nicht. Die Zauberformel heißt: passive oder aktive Rumpfstabilisierung?

FREUNDPFERD: Geli, erklär‘ uns doch bitte mal diese beiden Begriffe. Du sprichst ja von nichts anderem. 

Angelika Wohlfarth: Stimmt. Denn es ist der springende Punkt in der Frage, wie ein Pferd den Reiter gesund trägt. Nur wenn das Pferd sich aktiv im Rumpf stabilisieren kann und seine Muskulatur als Stoßdämpfer einsetzt, hält sein Körper die Belastung beim Reiten aus. Ist es nur passiv stabilisiert, trifft das volle Gewicht, die ganze Bewegungsenergie von Pferd und Reiter ungefiltert auf Strukturen wie Sehnen, Gelenke und Knochen. Dies führt zu Verletzungen und Verschleiß.

Und wie erreiche ich diese aktive Rumpfstabilisierung?

Die Grundlage legen wir in der Basis-Ausbildung, wo wir dem Pferd die tragende Rolle beibringen. Junge Pferde zeigen von Natur aus vieles, was wir später zu Lektionen ausbauen, auf der Koppel: fliegende Wechsel, Ansätze zur Versammlung bis zu Piaffetritten. Aber aufs Tragen, auf Reitergewicht, Sattel, Wendungen, Dysbalancen unter dem Reiter hat die Natur das Pferd nicht vorbereitet. Das ist was anderes, als mit hoch erhobenem Kopf über die Koppel zu laufen. Deshalb ist es Aufgabe des Reiters, dem Pferd zu helfen, sich aktiv zu stabilisieren.

Hat das Pferd das gelernt, ist es für den weiteren disziplinbezogenen Trainingsaufbau gut vorbereitet.

Klingt ganz leicht…

Ist es auch mit der richtigen Anleitung, viel Geduld und Zeit. Die Haltung und Bewegung des Pferds zu formen und es jeden Tag so anzunehmen, wie es ist, ist ein lebenslanger Prozess. Das machen sich viele Reiter nicht klar. Sie wünschen sich, mal eine A-Dressur zu reiten oder ein Springturnier und sind frustriert, wenn das Pferd da nicht funktioniert. Auch unsere deutsche Ausbildungsskala suggeriert, dass man eine Stufe nach der anderen erfolgreich erreicht und immer weiter aufsteigt. Das führt zu der irrigen Annahme, dass ich mit dem Pferd eine konstante Aufwärtslinie habe. In der Praxis ist das meist nicht der Fall. Da hat mein Pferd auch mal einen spannigen Tag, und ich muss akzeptieren, dass die Muskeln, die ich als Reiter haben möchte, mir heute nicht zur Verfügung stehen.

Auch wenn Pferde korrekt proportioniert und gut bemuskelt aussehen, sind sie also nicht automatisch allzeit bereit für gute Leistungen.

Nein. Das ist trügerisch, vor allem heute, wo Pferde auf makelloses Exterieur gezüchtet werden. Wenn sie dann noch in Körperhaltung und Futterzustand optimal aussehen, ist die Gefahr groß, dass man ihnen keine Schwäche zugesteht und nicht viel Zeit in die Basis-Arbeit investiert. Die aktive Rumpfstabilisierung bleibt auf der Strecke. Und dann wundert man sich über Pferde mit perfekter Figur, die das aber unter dem Reiter nicht in Bewegung umsetzen können. Was hatte man früher für Pferde! Die sahen aus wie Mähren. Aber die Reiter haben tolle Bewegungen aus ihnen herausgeholt, und die Verletzungsanfälligkeit war sicherlich geringer als heute.

„Je aktiver sich das Pferd stabilisiert, desto stärker arbeiten seine Muskeln, und desto mehr Energie wird verbraucht“

Und waren auch irgendwie schlanker, oder?

Auch das ist eine Frage der aktiven Stabilisierung. Sie ist die optimale Ausgangsbasis, um das Gewicht des Pferds im grünen Bereich zu halten: Je aktiver sich das Pferd stabilisiert, desto stärker arbeiten seine Muskeln, und desto mehr Energie wird verbraucht. Das ist nicht bloß eine Frage der Bewegung. Es gibt Pferde, die sich viel bewegen: Wanderreitpferde etwa oder Freizeitpferde, die viel ins Gelände geritten werden. Trotzdem sind viele von ihnen dick, weil sie ihre Muskeln nicht aktiv einsetzen und der Reiter das auch nicht von ihnen verlangt.

Kann ein durchschnittlicher Reiter seinem Pferd überhaupt bei der Stabilisierung helfen?

Das ist genau die Frage, die ich mir bei jedem Pferd-Reiter-Paar individuell anschaue, wenn ich die beiden während einer Therapie, einer Reha-Kur und darüber hinaus begleite: Ist der Reiter körperlich und durch sein Können in der Lage, die Haltung des Pferds positiv zu beeinflussen? Und natürlich zeige ich dem Reiter, wie er seinem Pferd helfen kann. Das ist ja das Ziel meiner Untersuchung und meiner Therapie: Das Pferd lernt, auf gezielte Reize jene Muskelpartien anzuspannen, die es braucht, um sich beim Reiten zu stabilisieren. Der Reiter lernt, diese Reize individuell bei seinem Pferd an den richtigen Stellen auszulösen. Wir sehen später beim Physio-Check, wie diese Reize und Reflexe in der Praxis aussehen.

Welche Rolle spielt dabei das Reitergewicht?

„Ich würde es nicht überbewerten. Beim Reiten geht es um sportartspezifische Fähigkeiten, um Talent und Gefühl. Manche Reiter sind an sich schlecht balanciert, können dies aber beim Reiten ausgleichen. Und es gibt unterschiedliche Konstitutionstypen beim Menschen. Der athletische Typ ist muskulös und muss an seiner Losgelassenheit arbeiten. Der pyknische Typ ist klein, dicklich und wird nur schwer sein Traumgewicht erreichen. Aber er kann ein guter Reiter werden, denn dabei geht es um die Bewegungsharmonie und nicht ums absolute Gewicht. Viel wichtiger als das Gewicht ist mir, dass der Reiter bereit ist, bei seinem Pferd täglich von Neuem an der stabilisierenden Basis zu arbeiten. Und dass das auch großen Spaß macht. Wer dazu keine Lust hat, sollte besser Motorrad fahren.

Aber natürlich gibt es auch Grenzen und dann sollten Therapeuten, Tierärzte Trainer und alle fachlich Betreuenden dies auch ansprechen. Vor allem im Hochleistungssport kann das Reitergewicht dann schon ein entscheidender Faktor sein, ich denke da an Sportarten wie das Distanzreiten und die Vielseitigkeit.

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4 Kommentare

  1. Das freut mich sehr, dass unsere Physiotherapeutin hier so ausführlich zu Wort kommt! Mein Pferd ist seit letztem Jahr bei Angelika Wohlfarth in Behandlung. Unser großes Thema ist eben die Rumpfstabilisierung und da hat meine Stute seither unheimliche Fortschritte gemacht. Man könnte fast sagen, dass sie ein anderes Pferd geworden ist (auch vom Wesen) – an der Longe, unterm Sattel, insgesamt wesentlich ruhiger und entspannter.
    Mir gefällt besonders gut, dass Frau Wohlfarth sich wirklich viel Zeit nimmt, um das Pferd zu begutachten und zu behandeln, im Fall auch an den Tierarzt überweist, falls ihr etwas auffällig erscheint und dann auch in Kooperation mit diesem weiter behandelt. So wie es eigentlich bei allen immer sein sollte (aber oft nicht ist).
    Zum Glück kommt sie trotz der weiten Anfahrt zu uns!! Ein anderer Physiotherapeut kommt mir nicht an mein Pferd.

  2. Carmen und Johannes 1. November 2015 um 20:18

    Wir können Geli nur weiter empfehlen. Sie betreut uns und unsere Pferde nun schon mehrere Jahre und hat hier schon einige Probleme am Anfang gesehen, die dann durch ihre Behandlung und ihre praktischen Tipps erst gar keine geworden sind. Vielen Dank auch im Namen unserer Vierbeiner. Carmen und Johnnes

  3. Hallo Carmen und Johannes, das gefällt mir an Geli eben auch so gut. Vor allem, weil sie eben völlig undogmatisch und losgelöst von Reitweisen-Debatten ihren Weg pro Pferd verfolgt. Danke für euren Kommentar und liebe Grüße von Christine

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