Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

Der Physio-Check: Wie Stress die Tragkraft schwächt

Württemberger Stute Caprice, 23 Jahre alt

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Kruppen-Test: An dieser Stelle möchte Angelika Wohlfarth herausfinden, ob das Pferd seine Hinterhand-Muskeln gut an- und entspannen kann. Kruppen-Test: An dieser Stelle möchte Angelika Wohlfarth herausfinden, ob das Pferd seine Hinterhand-Muskeln gut an- und entspannen kann.

Wenn wir unser eigenes Pferd beurteilen sollen, sind wir alle ein bisschen betriebsblind:  Sitzen seine Muskeln an den richtigen Stellen, um mich wirklich gesund tragen zu können? Kann sich mein Pferd locker und frei bewegen, oder hat es Blockaden und Schmerzen? Ist es gehandicapt, weil es zu dünn oder dick ist? Die Physiotherapeutin Angelika Wohlfarth, die im baden-württembergischen Obergröningen das Reha-Zentrum „Ihr Pferd in guten Händen“ betreibt, zeigt im FREUNDPFERD-Physio-Check, wie sie ein Reitpferd rundum beurteilt.

Wir haben uns für den Physio-Check drei Pferde unterschiedlichen Alters und Typs ausgesucht, die Angelika Wohlfarth bereits seit vielen Jahren sehr gut kennt. Zwei davon gehören ihr selbst, eines ist ein Einsteller-Pferd aus ihrem Stall. So können wir uns ganz sicher sein, dass das, was wir an diesen Pferden demonstrieren möchten, tatsächlich Hand und Fuß hat und es kein medizinisches Problem gibt, was zusätzlich vom Tierarzt abgeklärt werden müsste.

Sinnvoll ist es, dass Sie als Einstieg ins Thema mein Interview mit Angelika Wohlfarth lesen. Denn dort erklärt sie ausführlich, warum die ganze gesunde Ausbildung eines Reitpferds darauf beruht, seine Körperhaltung zu schulen oder zu korrigieren.

Ok, nun geht es weiter mit dem Praxis-Check. Die Physiotherapeutin geht dabei in 4 verschiedenen Stufen vor, in denen sie jedes Pferd beurteilt:

Körperhaltung in Ruhe an der Hand des Reiters
(mit Stallhalfter, locker am Strick, an jedem Ort möglich).

Leitfragen: Wie steht das Pferd? Wie harmonisch ist seine Muskulatur insgesamt?

Körperhaltung in Bewegung ohne Einflussnahme des Reiters
(mit Stallhalfter, locker an der Longe auf Reitplatz, Roundpen o.ä. Plätzen mit geeignetem Untergrund). Das Pferd läuft in verschiedenen Gangarten je nach Pferdetyp und Problem.

Leitfragen: Sind die einzelnen Muskelpartien an- und entspannungsfähig? Funktioniert die neuromuskuläre Ansteuerung im Pferd; kommen also die Signale aus dem Nervensystem an die Muskeln durch? Kann sich das Pferd aktiv im Rumpf stabilisieren (Voraussetzung für gesundes Tragen des Reitergewichts)?

Manuelle Befundung des Pferdekörpers
(mit Stallhalfter, Pferd steht frei). Hierbei testet Angelika Wohlfahrt mit gezielten Handgriffen an verschiedenen Körperstellen, wie das Pferd reagiert.

Leitfragen: Sind die einzelnen Muskelpartien an- und entspannungsfähig? Funktioniert die neuromuskuläre Ansteuerung im Pferd; kommen also die Signale aus dem Nervensystem an die Muskeln durch?

Körperhaltung in Bewegung unter realen Bedingungen
(so, wie der Reiter normalerweise trainiert, mit authentischer Ausrüstung: Kappzaum oder Trense etc.), Longieren oder Reiten je nach Pferd und Problem.

Leitfragen: Kann der Reiter beim Longieren oder Reiten überhaupt Einfluss auf die natürliche Körperhaltung des Pferds nehmen? Und kann er diese Körperhaltung idealerweise positiv beeinflussen, also verbessern?

In diesen 4 Stufen schauen wir uns den Physio-Check bei der 23-jährigen Württemberger Stute Caprice („Capi“) an:

 

20150907Geli Pferd 2 Therapie 01

Was Angelika Wohlfarth checkt und beobachtet: 

„Wir sehen hier in der Ruhe-Haltung sehr gut, wie stark die Körperhaltung von den Emotionen beeinflusst wird. Alles an Capi zeigt negative Anspannung, weil sie einen Fotografen mit voller Ausrüstung sieht. Und dann stürmt es heute auch noch! Der ängstliche Blick, die gespitzten Ohren, der nach oben gereckte Hals, der überstreckte Rücken und der hängende Bauch: Eine solche Haltung zeigt den Beginn einer Flucht. Es macht wenig Sinn, sich auf ein Pferd zu setzen, welches diese Körperhaltung zeigt. Genau diese Haltung sieht man häufig bei Turnierpferden, bei denen daheim alles funktioniert. Aber in fremder Umgebung unter Stress ist plötzlich der Kopf oben, der Rücken ist weg, die Hilfen können nicht mehr durchkommen, der Bewegungsablauf kann vom Reiter nicht mehr abgerufen werden. Bei einem Pferd, das sich in so einer Körperhaltung zeigt, gibt es zwei entscheidende Fragen: 1. Wie kann der Mensch dem Pferd helfen, seine negative Spannung zu überwinden? Und 2., speziell bei einem älteren Pferd wie der 23-jährigen Capi: Bekommt man so ein Pferd überhaupt noch soweit, dass es den Reiter gesund tragen kann? Capi haben wir mit 11 Jahren übernommen. Sie hatte als Jungpferd keine solide Grundausbildung und jahrelang Sättel, die nicht passten. Das Thema mit so einem Pferd ist und wird daher die aktive Rumpfstabilisierung bleiben.“

 

20150907Geli Pferd 2 Therapie 03

Was Angelika Wohlfarth checkt und beobachtet:

„Bei der manuellen Befundung sehen wir, dass die jahrelange Arbeit an Capis Körperhaltung sich gelohnt hat. Ich gebe ihr etwas Hilfestellung am Halfter und zeige ihr den Weg in die Dehnung. Der im vorigen Foto verspannte und nach oben gestreckte Hals entspannt sich nun. Ober- und Unterhalsmuskulatur sind also an- und entspannungsfähig. Gleichzeitig teste ich bei Capi: Sind ihre Bauchmuskeln ansteuerbar? Kann sie somit den Rücken, der in der Ruhehaltung vorhin deutlich gestreckt war, aufwölben? Das klappt hier soweit ganz gut. Aber wenn ich dieses 23-jährige Pferd nicht kennen würde und gefragt würde, ob man es noch reiten kann, könnte ich das momentan aufgrund des bisherigen Befunds nicht sagen.“

 

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Was Angelika Wohlfarth checkt und beobachtet: 

„Nun versuche ich, die Bauchmuskulatur noch stärker zu aktivieren und nehme dazu beide Hände. Ich teste: Kommt der Rücken noch ein Stückchen höher, oder wehrt sich das Pferd? Das zeigt mir, wie viel Rumpfstabilität ich vom Pferd erwarten kann. Wobei die aktive Rumpfstabilisierung ja kein Dauerzustand ist, den man ein- für allemal erreicht hat. Sondern ein lebenslanger Prozess, weil der Pferdekörper sich ständig mit der Schwerkraft auseinandersetzen muss: Der Pferderücken tendiert nach unten, dem müssen wir Reiter ständig entgegenwirken, damit wir uns guten Gewissens aufs Pferd setzen können. Bei Capi ist es genau wie bei vielen anderen Pferden eine Gratwanderung: Ich muss immer aufs Neue entscheiden, ob das Pferd in einer bestimmten Situation an der Grenze seiner Tragfähigkeit ist. Und muss mich selbstkritisch fragen: Schaffe ich es im Moment, die Körperhaltung meines Pferds so positiv zu beeinflussen, damit es mich gut tragen kann? Beispiel Capi: Bei ihr weiß ich, dass ich sie reiterlich gut unterstützen und stabilisieren kann. Meist jedenfalls. Weil sie aber ein eher nervöser Typ ist, regt sie sich im Gelände gern auf und läuft in Abwehrspannung. Dann steige ich oft ab, führe sie und entspanne sie wieder. Das ist eine Gratwanderung: Wegen 50 Metern in schlechter Körperhaltung muss ich nicht absteigen. Aber eine halbe Stunde würde ich bei einem Pferd dieses Alters mit dieser Vorgeschichte nicht sitzen wollen, solange es nicht aktiv stabilisiert ist.“

 

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Was Angelika Wohlfarth checkt und beobachtet: 

„Weil bei Capi die Brust- und Bauchmuskulatur Problemzonen sind, beziehe ich diese Muskelgruppen bei allem mit ein, was ich bei ihr teste und mache. Auch, wenn ich wie hier mit der rechten Hand die Hinterhandstrecker aktiviere. Interessant ist, dass wir Capi mit der Diagnose COPD, chronische Bronchitis, übernommen hatten. Sie hat aber in den letzten Jahren keine Symptome mehr gezeigt. Gut möglich, dass ihre muskuläre Schwäche der Rumpfträger, welche ja auch Atemhilfsmuskeln sind, bei der Bronchitis eine Rolle gespielt hat. Machen Sie bitte solche Griffe, etwas zum Aufwölben des Rückens, nicht einfach nach: Lassen Sie sich erst von Ihrem Therapeuten am Pferd zeigen, wie Sie individuell und gezielt helfen können, seine Körperhaltung zu verbessern.“

 

20150907Geli Pferd 2 Therapie 09-2

„Hier verwende ich Stäbchen statt meiner Fingerspitzen bei der Aktivierung der Kruppenmuskulatur. Was ich verwende, entscheide ich je nachdem, wie das Pferd besser reagiert. Die Stäbchen sind beim Physiotherapeuten wie Sporen oder Gerte beim Reiter: Sie sind Hilfenverstärker und müssen ebenfalls dosiert eingesetzt werden, damit sie keine falschen Abwehrreaktionen beim Pferd auslösen.“

 

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Was Angelika Wohlfarth checkt und beobachtet:

„Wir sehen nun, dass Capi am Ende der manuellen Befundung sich gut entspannt hat und für ihre Verhältnisse eine korrekte Körperhaltung zeigt. Brust- und Bauchmuskulatur tragen den Rumpf deutlich besser als beim ersten Foto in Ruhe-Haltung. Der Rücken ist nun nicht mehr gestreckt, sondern in einer für sie neutralen Position. Da könnte man sich nun trauen, einen Sattel draufzulegen und zu reiten. Was ich hier nun noch prüfe: Kann das Pferd in dieser nun verbesserten Ruhe-Haltung ein Hinterbein heben? Das zeigt mir, dass die Muskeln den Körper so gut aktiv stabilisiert haben, dass das Pferd koordinativ in der Lage ist, ein Bein zu heben, ohne aus der Balance zu geraten.“

Das Interview mit Angelika Wohlfarth: Warum es Spaß und Sinn macht, die Pferdefigur zu verbessern

Der Physio-Check: Was entspannt und echt stabil macht

Der Physio-Check: Vom Nervenbündel zum Sportkumpel

 

2 Kommentare

  1. Ich halte mich, was Kritik betrifft normalerweise lieber zurück doch möchte, nein muss ich mich hier kurz äussern.
    Entweder ist das letzte Bild das absolut unpassendste Bild was man als Beispiel finden konnte oder es wird hier empfohlen ein Pferd mit deutlichen Schmerzzeichen zu reiten!??
    Auf dem ersten wie auf dem letzten Bild sind Problematiken der Vorhand(vorbiegig/rückständig) als Haltung zu sehen(Schmerzhaltung), sowie die verspannte Hals/Schultermuskulatur. Auf dem letzten Bild wie beschrieben „für ihre Verhältnisse eine korrekte Körperhaltung“ ????? Also dafür das sie Schmerzen hat steht sie ganz passabel da??? Im Gesicht sind deutliche Schmerzzeichen zu sehen. Dinge von Fotos(Momentaufnahmen) und aus der Ferne zu beurteilen liegt mir wie gesagt sonst fern, doch war es hier schon recht unpassend. Der Artikel ist mit einem anderen Pferd /Fotos?, sonst nett geschrieben. Man muss bedenken das viele Pferdeleute diese Artikel lesen um etwas zu lernen(so wie ich in diesem Fall eigentlich). Deshalb bitte keine Pferde mit Schmerzzeichen als reitbar einstufen! Also bitte passende Fotos. Lieben Dank 🙂

    • Liebe Anabel,

      danke für Ihr Interesse und die offenen Worte.
      Das „richtige“ Bild bei einem Fotoshooting zu bekommen, ist gar nicht so einfach, zumal der Sachverhalt hier sehr komplex ist.
      Wir haben bewusst mit Caprice ein Beispiel gewählt, um zu zeigen, dass es nicht immer einfach ist zu beurteilen: Kann und darf ein Pferd geritten werden? Und wenn ja, wie und in welchem Ausmaß? Bei einem Pferd mit korrekten Beinachsen und guter muskulärer Rumpfstabilität stellt sich kaum die Frage der Reitbarkeit. In der Praxis begegnen uns jedoch ständig Pferde, deren körperliche Voraussetzungen nicht ideal sind, um geritten zu werden. Und es gibt diese Pferde sowohl im Turniersport als auch im Freizeitbereich.
      Ich denke all diesen Pferden den Stempel „nicht mehr reitbar“ aufzudrücken, ist nicht immer der richtige Weg. Zumal ich die Erfahrung gemacht habe, dass sich oftmals die Pferdebesitzer dann frustriert abwenden. Vielmehr sollte vermittelt werden, kritisch zu beurteilen und offen zu sein, Veränderungen wahrzunehmen. Immer auch in Hinblick, die Situation zu verbessern. Im Text gehe ich ja auch immer wieder darauf ein und beschreibe eine eingeschränkte Reitbarkeit.

      Viele Grüße Angelika Wohlfarth

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