Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

Der Physio-Check: Wie Pferde den Rücken aufwölben

Württemberger Wallach Dwight, 6 Jahre alt

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Physiotherapeutin Angelika Wohlfarth testet, wie das Pferd auf Reize an bestimmten Körperpartien reagiert. Kann es seine Muskeln an- und entspannen? Physiotherapeutin Angelika Wohlfarth testet, wie das Pferd auf Reize an bestimmten Körperpartien reagiert. Kann es seine Muskeln an- und entspannen?

Wenn wir unser eigenes Pferd beurteilen sollen, sind wir alle ein bisschen betriebsblind:  Sitzen seine Muskeln an den richtigen Stellen, um mich wirklich gesund tragen zu können? Kann sich mein Pferd locker und frei bewegen, oder hat es Blockaden und Schmerzen? Ist es gehandicapt, weil es zu dünn oder dick ist? Die Physiotherapeutin Angelika Wohlfarth, die im baden-württembergischen Obergröningen das Reha-Zentrum „Ihr Pferd in guten Händen“ betreibt, zeigt im FREUNDPFERD-Physio-Check, wie sie ein Reitpferd rundum beurteilt.

Wir haben uns für den Physio-Check drei Pferde unterschiedlichen Alters und Typs ausgesucht, die Angelika Wohlfarth bereits seit vielen Jahren sehr gut kennt. Zwei davon gehören ihr selbst, eines ist ein Einsteller-Pferd aus ihrem Stall. So können wir uns ganz sicher sein, dass das, was wir an diesen Pferden demonstrieren möchten, tatsächlich Hand und Fuß hat und es kein medizinisches Problem gibt, was zusätzlich vom Tierarzt abgeklärt werden müsste.

Sinnvoll ist es, dass Sie als Einstieg ins Thema mein Interview mit Angelika Wohlfarth lesen. Denn dort erklärt sie ausführlich, warum die ganze gesunde Ausbildung eines Reitpferds darauf beruht, seine Körperhaltung zu schulen oder zu korrigieren.

Ok, nun geht es weiter mit dem Praxis-Check. Die Physiotherapeutin geht dabei in 4 verschiedenen Stufen vor, in denen sie jedes Pferd beurteilt:

Körperhaltung in Ruhe an der Hand des Reiters
(mit Stallhalfter, locker am Strick, an jedem Ort möglich).

Leitfragen: Wie steht das Pferd? Wie harmonisch ist seine Muskulatur insgesamt?

Körperhaltung in Bewegung ohne Einflussnahme des Reiters
(mit Stallhalfter, locker an der Longe auf Reitplatz, Roundpen o.ä. Plätzen mit geeignetem Untergrund). Das Pferd läuft in verschiedenen Gangarten je nach Pferdetyp und Problem.

Leitfragen: Sind die einzelnen Muskelpartien an- und entspannungsfähig? Funktioniert die neuromuskuläre Ansteuerung im Pferd; kommen also die Signale aus dem Nervensystem an die Muskeln durch? Kann sich das Pferd aktiv im Rumpf stabilisieren (Voraussetzung für gesundes Tragen des Reitergewichts)?

Manuelle Befundung des Pferdekörpers
(mit Stallhalfter, Pferd steht frei). Hierbei testet Angelika Wohlfahrt mit gezielten Handgriffen an verschiedenen Körperstellen, wie das Pferd reagiert.

Leitfragen: Sind die einzelnen Muskelpartien an- und entspannungsfähig? Funktioniert die neuromuskuläre Ansteuerung im Pferd; kommen also die Signale aus dem Nervensystem an die Muskeln durch?

Körperhaltung in Bewegung unter realen Bedingungen
(so, wie der Reiter normalerweise trainiert mit authentischer Ausrüstung: Kappzaum oder Trense etc.), Longieren oder Reiten je nach Pferd und Problem.

Leitfragen: Kann der Reiter beim Longieren oder Reiten überhaupt Einfluss auf die natürliche Körperhaltung des Pferds nehmen? Und kann er diese Körperhaltung idealerweise positiv beeinflussen, also verbessern?

In diesen 4 Stufen geht es ans Pferd zum Physio-Check. Schauen wir uns den 6-jährigen Württemberger Wallach Dwight an:

 

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Was Angelika Wohlfarth checkt und beobachtet:

„Das Pferd kann sich an der lockeren Longe ohne Beeinflussung durch den Reiter frei bewegen und sein natürliches Gangbild zeigen. Wir sehen hier ein Pferd, das von Natur aus recht wenig Bewegungspotenzial hat. Es zeigt nicht die korrekte Körperhaltung und Stabilisierung, mit der es den Reiter gut tragen könnte. Die Rumpfträger-Muskulatur (Bauch- und Brustmuskeln, Oberhalsmuskeln, Hinterhandmuskeln) ist nicht aktiv genug, um zur Stabilisierung des Pferds beitragen zu können. Der Hals wirkt hier kurz und fest; ebenfalls ein Handicap, was aktive Stabilisierung erschwert. Wir sehen auch, dass das Pferd zu viel Fett auf den Rippen hat (Body Condition Score BCS: 5,9); das ist allerdings nicht tragisch und beeinträchtigt das Bewegungsvermögen und die Körperhaltung bei diesem Pferd nicht.“

 

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Was Angelika Wohlfarth checkt und beobachtet:

„Bei der manuellen Befundung überprüfe ich meinen ersten Eindruck zur Körperhaltung des Pferds an der Longe. Bei diesem Pferd sehen wir: Der Hals, der in freier Bewegung noch kurz und fest wirkte, ist an- und entspannungsfähig. Das prüfe ich hier zunächst per Griff in die Unterhalsmuskulatur (Musculus brachiocephalicus). Gut ist, wenn das Pferd daraufhin den Hals lang macht und nach unten dehnt wie Dwight. Schlecht wäre, wenn es bei diesem Griff Kopf und Hals nach oben reißen würde. Das wäre ein Zeichen für fehlende Entspannungsfähigkeit und könnte sogar auf Schmerzen deuten.“

 

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Was Angelika Wohlfarth checkt und beobachtet: 

„Auch bei dieser manuellen Prüfung zeigt sich, dass das Pferd im zunächst fest wirkenden Hals an- und entspannungsfähig ist. Das sieht man an der positiven Spannung der Oberhalsmuskulatur. Ich teste es hier bei Dwight mit dem sanften Eindrehen der Haut vor der Schulter, und der Hals dehnt sich daraufhin schön nach unten. Gleichzeitig prüfe ich mit der rechten Hand, wie die Bauchmuskeln reagieren. Weil das Pferd daraufhin den Rücken nach oben wölbt, zeigt sich auch bei den Bauchmuskeln: Sie haben positive Spannung, sind korrekt an- und entspannungsfähig.“

 

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„Hier erkennt man noch einmal genauer, wie ich bei Dwight die Bauchmuskulatur teste. Ganz wichtig ist: Das ist kein Knopfdruck-Handgriff, den ich bei jedem Pferd genau gleich und an derselben Stelle anwende. Es kommt immer auf das Pferd an, und das kann nur der Profi beurteilen. Ich warne daher davor, das einfach nachzumachen, damit Ihr Pferd den Rücken aufwölbt: Lassen Sie es von einem Therapeuten checken. Er zeigt Ihnen danach auch, wie Sie bei Ihrem Pferd individuell die richtigen Griffe anwenden, um Reaktionen auszulösen und so beim Pferd die Körperhaltung zu verbessern.“

 

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„Hier verwende ich Stäbchen statt meiner Fingerspitzen, um die An- und Entspannungsfähigkeit der Bauchmuskeln zu prüfen. Das liegt daran, dass Dwight ein eher weniger reaktiver Pferdetyp ist, der mehr Reiz braucht, bis er reagiert. Auch das ist bei jedem Pferd anderes, daher gehe ich je nach Pferd anders vor. Die Stäbchen sind beim Physiotherapeuten wie Sporen oder Gerte beim Reiter: Sie sind Hilfenverstärker und müssen ebenfalls dosiert eingesetzt werden, damit sie keine falschen Abwehrreaktionen beim Pferd auslösen.“

 

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Was Angelika Wohlfarth checkt und beobachtet:

„Nun bin ich an der Hinterhand angelangt, prüfe Hinterhandstrecker und Kruppenmuskulatur, denn diese gehört ebenso wie Hals-, Brust- und Bauchmuskulatur zu den Rumpfträgern des Pferds. Bei Dwight sehen wir, dass seine Muskeln auch an dieser Körperpartie an- und entspannungsfähig sind. Er reagiert auf den Stäbchen-Test, indem er sein Becken kippt. Wichtig auch hier: Es gibt kein Patentrezept, ob ich den Reiz mit Fingern oder Stäbchen auslöse und an welcher Stelle ich diese an der Hinterhand exakt einsetze. Es kommt auf das Pferd und sein Problem an.“

 

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Was Angelika Wohlfarth checkt und beobachtet:

„Nun sind wir beim 4. Teil des Checks angelangt, der Beurteilung, ob der Reiter die Körperhaltung seines Pferds in der Bewegung beeinflussen kann. Dazu trägt Dwight Kappzaum, und ich longiere ihn auf dem Zirkel. Wir sehen beim Vergleich dieses Fotos mit dem freien Bewegungsbild am Beginn des Checks, dass mein Einfluss an der Longe positiv auf die aktive Rumpfstabilisierung des Pferds wirkt. Dwight beginnt, den Hals nach unten zu dehnen, wie wir es auch bei der manuellen Bekundung gesehen haben. Später dehnt er sich noch weiter nach unten. Sein Rücken bewegt sich rhythmisch.“

 

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Was Angelika Wohlfarth checkt und beobachtet:

„Eine weitere Momentaufnahme, die zeigt, dass Dwight sich gut aktiv stabilisieren kann. Hier erkennt man die korrekte Stellung und Biegung auf dem Zirkel, das Pferd ist im Genick nicht verworfen. Die Kopf-Hals-Position ist nun höher als auf dem vorigen Foto. Das ist aber nicht so entscheidend. Hauptsache, der Rücken ist oben, dann ist es mir egal, ob das Pferd den Kopf 5 oder 10 Zentimeter höher trägt. Das kommt dann tatsächlich aufs Pferd an. Ich schaue also nicht nur, ob das Pferd den Hals fallen lässt, denn dabei kann es auch schummeln. Sondern ich achte beim Check der Körperhaltung vor allem auf den Rücken, denn von dort kommt das wahre Signal: Kann das Pferd den Rücken aufwölben, sind seine Rumpfträgermuskeln positiv gespannt und wirken aktiv stabilisierend. Das ist die beste Voraussetzung, um das Reitergewicht gesund zu tragen.“

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