Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

„Zu Figur-Problemen kommt die Angst vor Fehlern“

Reit-Ausbilderin Sibylle Wiemer: Weg mit dem Perfektions-Stress!

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Sibylle Wiemer aus Fintel bei Hamburg ist FN-Reitlehrerin A und Diplom-Pädagogin. Bei FREUNDPFERD ist sie meine Expertin für Reit-Tipps rund um die Wohlfühl-Figur. Foto-Copyright: Wiemer Sibylle Wiemer aus Fintel bei Hamburg ist FN-Reitlehrerin A und Diplom-Pädagogin. Bei FREUNDPFERD ist sie meine Expertin für Reit-Tipps rund um die Wohlfühl-Figur. Foto-Copyright: Wiemer

Auf dem Weg zur Wohlfühl-Figur ist Sibylle Wiemer (55) meine Lieblings-Expertin für Problemzonen und Lösungen. Die Diplom-Pädagogin und FN-Trainerin A aus der Lüneburger Heide ist nämlich selbst nicht gertenschlank, sondern sympathisch weiblich. Außerdem hat sie ein Herz für Normalo-Reiter und kümmert sich im Reitzentrum Wümmetal/ Fintel lieber um Pferde und Menschen mit Handicap als um Piaffe und Passage.

FREUNDPFERD: Viele Reitlehrer haben den Durchschnittsreiter aus den Augen verloren und unterrichten lieber den, der nach Schleifen schielt und ein teures Pferd unterm Sattel hat. Was reizt Sie an uns Normalos?

Sibylle Wiemer: Ich finde es einfach spannend, an der Basis zu arbeiten und zu helfen, denn dort gibt es wirklich viel zu tun. Was ich da manchmal sehe, erschreckt mich schon. Die Sättel passen weder dem Pferd noch dem Reiter. Die Pferde sind entweder zu dick oder zu dünn. Die auch die Reiter sind oft zu dick und haben wenig Bewegungsgefühl, auch wenn sie schon jahrelang auf dem Pferd sitzen. Sie wurden teils rigide in eine Form gepresst. Ihr Sitz ist statisch, keinesfalls dynamisch.

Woran liegt das? Was sagt die Pädagogin und Reitlehrerin?

Am Handeln und an den Dingen, die wir tun, wenn wir nicht auf dem Pferd sitzen. Die junge Generation ist einer erschreckenden Bewegungsarmut und gleichzeitig totalen Reizüberflutung ausgesetzt. Das fängt schon bei der Masse an Süßigkeiten und Knabberzeug an. Überlegen Sie mal, was wir früher als Kinder zur Auswahl hatten: Nur wenige Sorten Gummibärchen, Schokolade, Chips, und dann gab es noch diese Erdnusslocken….

Stimmt, die habe ich auch tütenweise verputzt.

Sehen Sie! Aber heute ist es noch schlimmer für die Kinder und Jugendlichen, denn die können sich dem riesigen Angebot ja gar nicht mehr entziehen. Und die Eltern sind da auch meist machtlos, wenn sie das Essverhalten steuern sollen. Also sind heute viele Reiter dicker und unbeweglicher als früher. Und viele Frauen sind heute größer, eine Frau von 1,80 m wiegt halt meist mehr als 60 kg, auch wenn sie schlank ist. Große und übergewichtige Frauen tun sich besonders schwer beim Reiten. Zu den Figur-Problemen kommt die Angst, Fehler zu machen. Diese Sorgen sind heute sowieso ganz stark ausgeprägt, das sehe ich bei fast allen meinen Reitschülern. Egal wie alt sie sind.

Und was hat das mit dem Thema Beweglichkeit im Sattel zu tun?

Angst wirkt sich auf die Motorik aus und blockiert beim Reiten besonders Schulter- und Beckengürtel. Wenn ich mental und physisch blockiert bin, brauche ich an lockeres Training und Muskelaufbau gar nicht zu denken. Früher haben wir beim Reiten lernen so lange rumprobiert und getestet, bis alles zusammenpasste. Heute will jeder gleich perfekt sein. Aber das wird es beim Reiten nie geben, denn da lernt man nie aus. Es gibt weder einen Reset-Knopf noch einen Knopf für die perfekte Ausführung einer Lektion. Das geht mir persönlich bis heute so: Ich erfahre beim Unterrichten und am Pferd jeden Tag, dass ich immer noch viel zuwenig weiß und kann. Und das ist völlig normal und ok! Ich bin Mensch und darf Fehler machen.

Also müssen wir Reiter erst mal akzeptieren, dass wir unperfekt sein dürfen.

Genau. Weg mit dem Perfektions-Stress! Gleichzeitig sollten wir uns als Reiter bemühen, immer ein Stückchen besser zu werden. Schauen Sie, ich habe manchmal Reiter in meinen Seminaren, die seit acht oder zehn Jahren auf dem Pferd sitzen, aber noch nicht galoppieren können. Und eigentlich wollen sie daran auch nichts ändern, wenn sie ehrlich sind. Was soll ich denen im Unterricht sagen? Soll ich sie etwa zwingen? Nein, erst mal muss der Reiter doch selbst bereit sein zu sehen, wo er steht, wohin er möchte und was er dafür tun sollte. Wir neigen dazu, unseren eigenen Anteil an der Reiterei zu vernachlässigen: Wie wirken sich zum Beispiel steife Schulter- und Hüftgelenke auf unser Pferd aus? Wir können doch nicht acht Stunden täglich auf dem Bürostuhl schief sitzen, und am Abend in der Reitstunde soll der arme Gaul dann schnurgerade galoppieren oder perfekte fliegende Wechsel springen. Wenn der Reiter das verstanden hat, kann er sich auf den Weg machen und wird irgendwann Erfolge ernten: ein motiviertes Pferd, kräftige Muskeln an den richtigen Stellen, mehr Beweglichkeit und mehr Spaß beim Reiten.

 

Und hier sind die Figur-Trainings-Tipps von Sibylle Wiemer!

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Hier erfahren Sie mehr über die FREUNDPFERD-Trainings-Expertin, ihre Philosophie und ihre Seminare: www.sibyllewiemer.de

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1 Kommentar

  1. Ich bin stolz auf dich, liebe Sibylle, meine älteste Freundin, seit
    45 Jahren !! ein sehr lesenswerter Artikel. Auch, wenn ich leider nicht reite.

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