Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

So gesund sind Äpfel und Möhren

Warum sie für Mensch und Pferd mehr als lecker sind

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Lecker und gesund: Äpfel und Möhren enthalten bioaktive Stoffe von Ballaststoff bis Vitamin. Foto-Copyright: Felsinger

Forscher sind den gesunden Geheimnissen von Äpfeln und Möhren auf der Spur: Sie fanden bereits bioaktive Stoffe gegen Husten und Durchfall beim Menschen. Hilft Gemüse und Obst auch Pferden? Fragen wir doch mal Annette Zeyner, eine der renommiertesten deutschen Pferdefutter-Professorinnen. 

An apple each day keeps the doctor away, sagt der Volksmund. Ernährungswissenschaftler und Fütterungsexperten sind seit Jahren dabei, dieser Weisheit auf den Grund zu gehen: Sie flößen Studenten und anderen freiwilligen Versuchstrinkern Apfelsaft, Möhrensuppe, Orangen-Smoothies oder grünen Tee ein und wollen die sogenannten bioaktiven Stoffe finden, neueste Lieblinge der Lebensmittelindustrie.

Was sind bioaktive Stoffe? Damit ist außer Fett, Eiweiß, Zucker und Stärke alles gemeint, was in Pflanzen irgendwie gesund wirkt: zum Beispiel Ballaststoffe, Radikalfänger, Entzündungshemmer, Prä- und Probiotika, Vitamine sowie deren Vorstufen. Danach fahnden Forscher rund um den Globus in Gemüse und in Obst. Natürlich wurden sie auch schon in Äpfel, Möhren und Bananen fündig, der Leibspeise fast aller Pferde. Profitieren sie ebenso wie Menschen von den bioaktiven Stoffen in Obst und Gemüse?

Lange verneinten Tierärzte dies und spöttelten eher über Saftig-Knackiges im Futtertrog: Man müsse etwa Karotten schon kiloweise füttern, um Vitamine ins Pferd zu bringen, da Karotten zu 90 Prozent aus Wasser bestehen, hieß es. Das stimmt, weshalb zwei bis drei Karotten täglich eher folgenlos durch den Pferdedarm rutschen. Es kommt also auf die Menge an, ob Gemüse und Obst nutzen.

Beim Menschen weiß man inzwischen der Spur nach, ab welcher Menge es im Körper spannend und bioaktiv wird. Genauer: im Blutplasma, denn dort messen Forscher die Wirkung der bioaktiven Stoffe. Beispiel Apfel: Nach dem Genuss von 700 Millilitern Apfelsaft der alten Sorte „Brettacher“ stieg in Versuchen die antioxidative Kapazität im Blutplasma der freiwilligen Trinker. Hohe antioxidative Kapazität bedeutet: Freie Radikale, die im Körper etwa bei der Fettverbrennung, beim Atmen oder durch Stress entstehen, werden vom Körper unschädlich gemacht und können den Körperzellen somit nichts mehr anhaben.

Radikalfänger aus Pflanzen beugen Entzündungen vor und stärken die Immunabwehr

Solche Radikalfänger oder Antioxidantien beugen also Entzündungen vor und stärken die Immunabwehr. Ob wir länger leben, wenn wir Apfelsaft trinken, ist damit natürlich noch nicht gesagt. Aber der Spruch, dass ein Apfel pro Tag den Arzt fernhält, wird durch solche Erkenntnisse allmählich untermauert. Zumal in einer groß angelegten niederländischen Studie schon in den 1990-er Jahren bewiesen wurde, dass Apfelesser die besseren Lungenwerte hatten und weniger husteten. Im Schnitt aßen diese sechs Äpfel pro Tag und nahmen damit 45 Milligramm Catechin zu sich; der bioaktive Stoff, dem Wissenschaftler den gesunden Apfel-Effekt zuschreiben.

Chemisch zählt Catechin zu den pflanzlichen Flavonoiden, die in Zellen Enzyme hemmen und dadurch die Produktion der an Entzündungen und Allergien beteiligten Prostaglandine drosseln. Tausende von Flavonoiden kennt man bereits: etwa Catechin in Äpfeln, Tee und Rotwein, Quercetin in Äpfeln und Quitten sowie Anthocyan, das etwa Kirschen blau färbt. Wahrscheinlich wirkt in Äpfeln und anderen Früchten freilich kein einzelner bioaktiver Stoff, sondern alle Inhaltsstoffe spielen gesund zusammen, vermuten die Forscher.

Ob bioaktive Stoffe auch gegen Pferdehusten helfen, ist unklar. Beim britischen Animal Health Trust in Newmarket gab es Versuche, die bestätigten, dass antioxidative Stoffe bei Pferden mit chronischer Bronchitis die Entzündungen in Zellen der Atemwegsschleimhaut bekämpfen und die Lungenfunktion verbessern. Die Forscher experimentierten allerdings nicht mit Äpfeln, sondern mit einem Spezialfutter, das eine Mischung verschiedener Antioxidantien enthielt. Unter anderem enthielt das Futter Ascorbinsäure (Vitamin C), das wichtigste Antioxidans in den Atemwegen des Pferds gilt: Sein Konzentration geht bei chronischem Husten deutlich zurück.

Angesichts solcher Erkenntnisse horchen auch deutsche Pferdeforscher auf. Annette Zeyner, Professorin für Tierernährung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, findet es legitim, im Apfel mehr als nur Dessert oder Belohnung fürs Pferd zu sehen. „Ich würde das Thema Äpfel gegen Husten nicht zu sehr belächeln“, sagt sie und schmunzelt dann doch. „Auch wenn beim Pferd wohl leider keiner ein kommerzielles Interesse hat, das zu erforschen.“

Äpfel enthalten Pektine, die den Pferdedarm pflegen und nicht übersäuern

Annette Zeyner kennt bereits sichere Effekte von Äpfeln, die sie bei darmkranken Pferden nutzt. Äpfel enthalten nämlich viele Pektine, die als präbiotische Ballaststoffe ebenfalls im weitesten Sinne zu den bioaktiven Substanzen zählen. „Pektin ist leicht verdaulich und ernährt die Dickdarmbakterien, ohne dass man wie bei stärkereichem Getreide eine Übersäuerung und damit Kolik oder Hufrehe fürchten muss.“

Deshalb tauscht sie bei Durchfall, Verstopfung oder bei muskulösen Pferderassen mit genetischer Neigung zu Kreuzverschlag (Polysaccharid-Speicher-Myopathie PSSM) gerne das Kraftfutter gegen getrockneten Apfeltrester, der beim Saftpressen übrig bleibt. Oder sie empfiehlt Zuckerrübenschnitzel, die ebenfalls viel Pektin enthalten. „Wie viel hier gut ist, muss man aber für jedes kranke Pferd neu berechnen, eine Faustregel gibt es nicht. Und man muss bei Apfeltrester ebenso wie bei Zuckerrübenschnitzeln auf den Restzuckergehalt achten, der nicht zu hoch sein sollte, gerade bei Pferden, die empfindlich auf Zucker reagieren.“

Annette Zeyner, Professorin für Tierernährung an der Uni Halle-Wittenberg und Reiterin, ist FREUND.PFERD-Expertin für Futterforschung und Fütterung.

Annette Zeyner, Professorin für Tierernährung an der Uni Halle-Wittenberg und Reiterin, ist FREUND.PFERD-Expertin für Futterforschung und Fütterung.

Außer Pektinen gibt es weitere bioaktive Darmschützer in Pflanzen. Bestes Beispiel: präbiotisch wirkende Oligosaccharide. Sie sind reichlich in Bananen vorhanden und werden als Ballaststoffe etwa in Hundefutter oder Diätwurst gemixt. Beim Pferd gibt es Versuche, kranke Därme damit zu kurieren, aber noch keine endgültigen Befund. Außer dass Bananen Pferden gut schmecken.

Könnte durchaus sein, dass Möhren für die Zuchtstute das Fohlen vitaler machen

Besser sieht es bei Möhren aus. Sie enthalten zum einen den bioaktiven Stoff Beta-Carotin, der zur riesigen Gruppe der Carotinoide gehört und im Körper bei Bedarf zu Vitamin A umgewandelt wird. Oft wird behauptet, dass Beta-Carotin die Fruchtbarkeit von Stuten steigere. „Das konnte bislang nicht nachgewiesen werden“, sagt Annette Zeyner. „Möglicherweise wird aber durch das Füttern von Beta-Carotin an Zuchtstuten während der Trächtigkeit und in der frühen Laktationsphase die Vitalität der Fohlen gesteigert.“ Zeyner empfiehlt 40 Milligramm Carotin pro 100 Kilo Pferde-Körpergewicht. 60 Milligramm Carotin stecken in einem Kilo Möhren; das heißt, mit zwei drei Möhren in der Tasche kommt man nicht weit, wenn man bioaktive Effekte gleich welcher Art sehen will.

Außer Carotin enthalten Möhren (ebenso wie Bananen) Oligosaccharide gegen Durchfall. Das entdeckte der ehemalige Vizerektor der Universität Wien Professor Johann Jurenitsch, Pharmakologe und begeisterter Möhrenforscher. „Dass Karottensuppe gegen Durchfall hilft, fand schon der Münchner Arzt Dr. Ernst Moro 1906 heraus“, so Jurenitsch. „Danach fütterte jede zweite deutsche oder österreichische Kinderklinik beim Durchfall die Kartoffelsuppe nach Moro.“

Das Prinzip Karotte gegen Durchfall geht so: Von den Oligosacchariden im Gemüse spalten sich beim Kochen Substanzen ab und blockieren Proteine in den Durchfallerregern. So wird deren Andocken an die Darmschleimhaut verhindert. Dieses Prinzip könnte auch bei Tieren funktionieren. Beim Schwein zumindest konnte man Darminfekte mit speziell aufbereiteten und getrockneten Möhrenschnitzeln erfolgreicher bekämpfen als mit Antibiotika.

Bei Pferden liebäugeln Forscher momentan damit, exotischere Pflanzen unter die Lupe zu nehmen als gemeine Möhren. Gelbwurz und Grüntee haben professorales Interesse geweckt, denn antioxidative Stoffe aus diesen  beiden Gewächsen haben bereits einen guten Ruf als Radikalfänger beim Menschen. Könnte also sein, dass sie auch im Pferd helfen, schädlichen Entzündungen vorzubeugen oder diese zu bekämpfen. Vor allem für zu dicke Pferde wäre das eine gute Nachricht: In ihrem Körper laufen ständig irgendwo Entzündungsprozesse ab, die den antioxidativen Stoffwechsel stark belasten.

 

 

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