Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

„Meine Wadimah hat sich zu Tode gefressen“

Leser-Erfahrungsbericht zu Hufrehe. Plus Weide-Plan fürs ganze Jahr!

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Wadimah im Jahr 2003. Zwei Monate nachdem das Foto entstand starb sie an Hufrehe. Foto-Copyright: Socha

Christiane Socha, Ärztin für Allgemeinmedizin, betreibt eine Praxis für Komplementärmedizin in Herten/Nordrhein-Westfalen. Sie zog drei Pferdegenerationen auf und lernte dabei viel über Fütterung : Oma Wadimah starb 2003 an Hufrehe, Tochter Nassren (20) ist fitte Rentnerin, Enkel Navarro (12) hat die Futter- und Stoffwechselprobleme seiner Oma geerbt.  

„Meine erste Araberstute Wadimah war ein verfressenes Geschöpf. Sie fraß eigentlich alles, was ihr verdaulich erschien. Alle Obstsorten inklusive Kiwi, Erdbeeren und Weintrauben. Das geht ja noch, aber bei Currywurst fragt man sich dann doch… Ihre Leidenschaft gehörte dem Sekt, den es im Stall bei Fohlentaufen und ähnlichen Anlässen gab. Auch Bier, besonders Malzbier, mochte sie. Gesundheitliche Folgen hatten diese kulinarischen Ausflüge nie, da ich immer aufpasste und den Daumen draufhielt. Sie hatte einfach keine natürliche Fressbremse. Ich glaube, dass liegt daran, dass sie als Jungpferd Hunger litt und ihr Essverhalten gestört war. Als ich sie mit knapp drei Jahren übernahm, war sie total mager und hatte Hungerfell.

Tragisch, aber wahr: Mit 19 Jahren fraß sich Wadimah konsequenterweise zu Tode. Aber nicht mit Currywurst, sondern mit Gras. Sie ist am kohlenhydratreichen Maigras gestorben. Bekam eine akute Hufrehe und eine schwere Enteritis, also eine Darmentzündung. Wenn ich damals, vor 12 Jahren, gewusst hätte, was ich heute weiß, wäre das nicht passiert. Aber damals wusste ich noch nichts von Fruktan im Gras. Ich habe Wadimah im Frühjahr zu schnell zu lange auf die Weide gelassen und nicht gründlich genug angeweidet.

Wadimah, hier 14 Jahre alt.

Wadimah, hier 14 Jahre alt.

 

Araberstute Nassren ist inzwischen in Rente. Sie ist topfit und hat keine Reheprobleme.

Araberstute Nassren ist inzwischen in Rente. Sie ist topfit und hat keine Reheprobleme. Foto-Copyright: Socha

 

Heute bin ich da wesentlich vorsichtiger, was wichtig ist, denn mein Hispano-Araber Navarro (12) hat die Empfindlichkeit seiner Oma geerbt, was Fütterung und Stoffwechsel anbelangt. Ich lerne seit Jahren fleißig von meiner Tierärztin, die auf Muskel, Skelett und Ernährung spezialisiert ist. So halten wir den Buben gut in Schuss, und er hat kein Gramm Fett zu viel. Dafür hat er Futter-Unverträglichkeiten ohne Ende.

„Wenn er den Kopf in Heu und Hafer steckt, hustet er sich die Lunge aus dem Leib“

Heu, Hafer, Äpfel und Möhren: Das alles ist für Navarro Gift, wenn es nicht speziell behandelt und dosiert wird. Wenn er den Kopf in Heu und Hafer steckt, hustet er sich die Lunge aus dem Leib. Die übliche Grassilage für Rinder, die leider immer noch in vielen Ställen gefüttert wird und viel zu sauer ist für Pferde, verträgt er genau so wenig wie meine anderen Pferde. Ein absolutes No Go, die bekommen davon sofort Kotwasser.

Heulage verträgt er sehr gut, aber in diesem Sommer war das Wetter so gut, dass alle Bauern rundum nur Heu gemacht haben, keine Heulage. Die fertig abgepackte Heulage, die man im Laden kaufen kann, ist bei zwei Pferden ein Kostenfaktor, wenn ich sie zusätzlich zur Stallmiete bezahlen muss. Und das Heu ist in unserem Stall erste Sahne. Deshalb weiche ich es für Navarro ein und füttere es nass. Das klappt gut, kein Husten.

„Mein Futterplan für den rehe- und hustenanfälligen Navarro“

Heu fülle ich in engmaschige Heunetze (3×3 oder 4×4 cm), die ich mit dem Wasserschlauch richtig satt nass spritze. Ein Netz wird direkt in die Box gehängt, zwei kommen abgetropft in die Futterkammer. Wichtig ist, dass die feuchten Netze nicht zu lange liegen, denn sonst fängt das Heu je nach Wetter an zu gammeln und unangenehm zu riechen. Wenn man Heunetze ins Wasser tauchen will, empfiehlt meine Tierärztin maximal 20 Minuten Tauchzeit. Denn je länger man das Heu taucht, desto schneller gammelt es anschließend.

Auf Hafer verzichte ich, weil ich ihn nicht nass machen kann. Deshalb füttere ich als Kraftfutter Pellets: morgens eine Handvoll und abends eine halbe Kelle nach der Weide.

Mineralfutter und Medikamente füttere ich abends, dazu eine Handvoll Müsli.

Möhren und Äpfel gibt es wegen des darin enthaltenen Fruchtzuckers für mein reheanfälliges Pferd nur in homöopathischer Dosis. Möhren oder mal ein Leckerli gibt es als Belohnung bei der Bodenarbeit und beim Üben von Zirkuslektionen. Aber nur, wenn die Pferde etwas Neues lernen sollen. Für Selbstverständlichkeiten bekommen meine Pferde keine Leckerli.

Navarro ist Wadimahs Enkel und trägt auf der Weide je nach Wetter und Jahreszeit eine Fressbremse.

Navarro ist Wadimahs Enkel und trägt auf der Weide je nach Wetter und Jahreszeit eine Fressbremse.

„Meine Gras-Dosier-Tipps für Anweiden und Koppelgang“

Frühjahr: je nach Pferd 2-3 Wochen Grasen an der Hand. Ich starte mit 5 Minuten, steigere auf 15, 20 und 30 Minuten. Danach geht’s für ein paar Tage 1 bis 1,5 Stunden mit der Herde auf die Weide. Wir steigern den Weidegang auf einen halben, danach auf den ganzen Tag.

Sobald die Herde den ganzen Tag Koppelgang hat, bekommt mein reheanfälliger Araber Navarro eine Fressbremse, solange das Gras noch hoch steht. Anfangs hatte ich einen einfachen Gurt-Maulkorb mit gelochtem Gummi-Maulteil. Der ging immer schnell kaputt und wurde leicht abgestreift. Jetzt verwende ich den Greenguard. Ich befestige ihn an einem Halfter, an dem ich außerdem einen Stirnriemen und einen Kehlriemen angebracht habe. Beides so, dass der Maulkorb nicht abgestreift werden kann und trotzdem nicht beim Kauen stört und drückt. Damit nichts scheuert, verwende ich Neopren-Unterlagen, die es auch für Trensenzäume gibt.

Von Frühjahr bis ca. Mitte Juni beobachte ich Navarro sehr genau, denn er reagiert sehr frühzeitig auf zu viel Gras: An den Hinterbeinen bekommt er schnell Gallen, Zeichen für Leber- und Nierenbelastung. Und er neigt dann auch zur leichten Kolik. Beides sind Alarmzeichen, auf die ich sofort reagieren muss mit Reduzierung des Grases.

Ab etwa Mitte Juni, wenn die Weiden schon ziemlich abgefressen sind, lasse ich die Fressbremse weg. Im Hochsommer braucht Navarro diese nicht.

Ab Herbst, am Ende der Weidesaison, hängt es von Wetter und Größe der Weiden ab, ob ich vorsichtig sein muss mit der Grasdosierung. Ist es nachts kalt und tagsüber sonnig, hole ich Navarro entweder früher rein, oder er bekommt seinen Greenguard wieder drauf. Das ist besonders wichtig in Ställen mit großen Flächen, die im September oft noch einmal die Weide wechseln können: Wenn jetzt von der abgefressenen Koppel auf frisches, üppiges Gras gewechselt wird, sind reheanfällige Pferde besonders gefährdet.

Hier gibt’s noch mehr Interessantes über Heu, Hufrehe und Equine Cushing Syndrom:

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Was ist das Equine Cushing Syndrom?

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