Ein Blog von Christine Felsinger
mit Fotos von Felix Knaack

„Fitness ist ein Gebot der Fairness“

Warum sich ein reitender Tierarzt selbst auf Diät gesetzt hat

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Pferdetierarzt Michael Oberthür Pferde-Tierarzt Michael Oberthür mit seinen vierbeinigen Helfern.

Michael Oberthür ist Tierarzt mit Schwerpunkt Pferde-Orthopädie, Sportmedizin und Rehabilitation; außerdem IVCA-akkreditierter Veterinär-Chiropraktiker. Er lebt in Plüderhausen, 40 Kilometer östlich von Stuttgart. Kennengelernt habe ich Michael, als er noch in der Pferdeklinik Kirchheim/Teck arbeitete, wo meine Stute Maya 2011 am Fesselringband operiert wurde. Michael besitzt zwei Pferde und reitet in seiner knappen Freizeit leidenschaftlich gerne Vielseitigkeit. Zwischen März und August 2015 hat er 15 Kilo abgenommen. Obwohl er gar nicht dick aussah…

FREUND.PFERD 15 Kilo, Respekt! Aber warum hat du eigentlich abgenommen?

Michael Oberthür Die Kilos sind gar nicht der Punkt. Eher meine Fitness. Ich hatte 2014 im Herbst-Reitlehrgang bei Andreas Ostholt (Deutscher Meister Vielseitigkeit 2015, FFF) einen ziemlichen Schock: Ich brauchte Hilfe, um mich in meine Sicherheitsweste zu zwängen, die ich erst ein Jahr zuvor gekauft hatte. Da dachte ich mir: Wenn ich Fitness und athletische Leistung vom Pferd verlange, ist es ein Gebot der Fairness, dass ich diese Fitness selbst auch bringe. Heißt: Ich wollte schlanker und sportlicher werden, damit ich besser reiten kann.

Also Abspecken zum Wohl deines Pferds, welches ja noch recht jung ist. Die Stute, die du momentan für die Vielseitigkeit ausbildest, ist erst fünf Jahre alt. Spielte das eine Rolle für deine Fitnesspläne?

Ja und nein. Mein Gewicht und meine Fitness als Reiter sind keine Frage des jüngeren oder älteren Pferds. Die Jüngeren sind halt besonders empfindlich in ihrer Balance. Für mich war die junge Stute aber mehr ein Kick, um endlich in Angriff zu nehmen, was ich schon länger vor mir her geschoben hatte. Allerdings fällt mir schon auf, dass gute Profireiter, die auf jungen Pferden sitzen, anders gebaut sind.

Wobei doch auch auf Turnierplätzen auffällig viele Reiter nicht gerade gertenschlank sind.

Stimmt. Ich habe schon Dressurprüfungen gesehen, da platzten einigen Damen Knöpfe von den Turniersakkos.

Wieso gerade in der Dressur?

Wer fülliger und weniger fit ist, tendiert sicher eher zur Dressur. Die trauen sich vielleicht weniger in den Parcours oder ins Gelände. Kurze Beine und viel Oberkörper: Da hagelt man sofort vom Pferd, wenn das Pferd mal einen Schlenker macht. Wobei ich glaube, dass sich auch ein Dressurpferd nicht freut, wenn der Reiter unsportlich und unnötig schwer ist.

Christine Felsinger im Gespräch mit Tierarzt Michael Oberthür.

Christine Felsinger im Gespräch mit Tierarzt Michael Oberthür.

Wo ziehst du die Obergrenze beim Gewicht? Ist ja ein ziemliches Streitthema…

Die gibt es nicht direkt, ich kann hier deshalb keinen Richtwert nennen. Das muss jeder für sich selbst rausfinden. Wer 1,60 Meter groß ist, sollte vielleicht nicht gerade 80 Kilo wiegen. Der Physiotherapeut Stefan Stammer hat mal gesagt: Im Idealfall wiegt der Reiter im Parcours beim Absprung des Pferds null Kilo. Beim Landen ist dann das Gewicht des Pferds selbst das, was am meisten zählt und belastet.

Heißt, das Reitergewicht spielt fürs Pferd gar nicht so die Rolle?

Aber doch! Bei jedem Reiterfehler und bei jeder Dysbalance wirkt sich ein Mehr an Gewicht auch stärker aufs Pferd aus. Das kann jeder an sich selbst beobachten, wenn er schwerere oder leichtere Lasten schleppt, die sich mehr oder weniger kontrolliert bewegen. Ich habe selbst jahrelang Partner-Akrobatik gemacht. Wenn deine Partnerin eine sportliche Rakete ist mit perfekter Körperspannung, dann kannst du 100 Kilo tragen. Sind es Schlaffis ohne jede Spannung und Balance, dann sind schon 45 Kilo Frau zu viel. Gerade wenn du eine neue Bewegung oder Lektion lernst, bist du über jedes Kilo weniger dankbar, das du nicht obendrauf hast. Das gilt auch fürs Pferd, das ja im Training ständig etwas lernen soll. Dabei ist es selbst meist noch gar nicht so perfekt balanciert und bemuskelt und wird deshalb unterm Reiter schneller überlastet. Genau das sieht man auch bei Freizeitpferden, die oft nicht planmäßig trainiert, sondern eher zum Relaxen und zum Spaß geritten werden. Wir alle sind ja letztlich Freizeitreiter und haben das Problem, dass wir neben unserem Berufsalltag für das konsequente Aufbautraining unserer Pferde nur wenig Zeit haben.

Je weniger sportlich und versiert der Reiter, desto mehr muss er also auf sein Gewicht achten? Das legten vor einigen Jahren jedenfalls Messungen nahe, in denen herauskam, dass schwerere, aber geübte Reiter das Pferd weniger stören als Leichtgewichte, die weniger gut reiten.

So sehe ich das auch.

Welche Rolle spielen Rasse und Exterieur des Pferds?

Ich bin da vorsichtig, wenn es um Klischees geht. Man hört so oft: Isländer können viel tragen. Aber Isländer halten auch unheimlich viel aus. Die knirschen lange mit den Zähnen, bevor sie sich wehren und damit Schmerzen zeigen. Grundsätzlich finde ich: Ein Pferd, das gut im Training ist, das genug eigene Balance und Stabilität mitbringt, kann einen schwereren Reiter gut tragen, wenn immer mal wieder ein guter Ausbilder drauf schaut, ob alles passt. Ein Pferd mit schmalerem Radstand, also einem schmaleren Brustkorb, mit langem Rücken, langem Hals und viel Schwung in der Bewegung, tut sich schwerer unter einem schweren Reiter. Wenn man einen sogenannten Gesichtsträger definieren will: mittelgroßes Pferd mit wenig Schwung; relativ kurzem, aber nicht zu kurzem Rücken; kurzer, aber nicht ultrakurzer Hals. Ich habe einige Zeit im Schweizerischen Nationalgestüt Avenches gearbeitet, wo auch Freiberger gezüchtet werden. Das sind genau solche Pferde mit genügend Substanz, guter Basismuskulatur, etwas strammer und mit weniger Schwung, auf denen man als Reiter kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man keine Idealfigur hat.

Wie finde ich denn heraus, ob mein Pferd mich gut tragen kann? Oder ob ich zu dick bin?

Ich würde da eher andere Kriterien heranziehen als das Gewicht. Das fängt beim Sattel an. Da gibt es Fälle, wo Po und die Oberschenkel dick sind, dass der Reiter nicht mehr rein passt, denn der Sattel soll ja zunächst mal auf den Pferderücken passen. Und wenn der Pferderücken zu kurz ist für einen größeren Sattel, dann muss sich die Figur des Reiters danach richten. Entweder Pferd wechseln oder abnehmen. Das erfordert Disziplin, da führt kein Weg dran vorbei.

Wo hast du diese Disziplin in den letzten Monaten hergezaubert?

Wichtig sind 1. Konsequenz und 2. ein Konzept. Das Konzept kommt aus der Ernährungsberatung, und da gibt es vieles, was man machen kann. Ich bin so ein Typ, der einen klaren Plan braucht, um dranzubleiben. Zufällig bin ich an eine Methode geraten, bei der man drei Monate lang kaum Kohlenhydrate und keine Milchprodukte essen soll. Viel Gemüse, kein Obst. Und einen Tag in der Woche darf man essen, was man will. Toll… Entscheidend ist nicht ein klangvoller Diät-Name oder eine bestimmte Methode, sondern dass man mit der Ernährung langfristig auf den eigenen Stoffwechsel Einfluss nimmt. Einfach nur weniger Essen und mehr Sport reichen nicht, um dauerhaft Fitness und Figur zu verändern. Wenn ich das Projekt Abnehmen ersthaft betreiben will, brauche ich eine Strategie für meinen Stoffwechsel. Das gilt übrigens auch für Pferde, die zu dick sind und abnehmen sollten.

Hier geht’s weiter zum Interview über das Pferdegewicht und die Pferdemuskeln

Wie Galopp die Figur formt: 3 Übungen für Pferd und Reiter von Sibylle Wiemer 

Interview: Warum sich Reiter für ihre Figur oft schämen

 

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